Kirchheim

Den eigenen Blick schulen

Kunst Noch bis zum 14. Juli ist im Kirchheimer Kornhaus die Ausstellung „drei.dimensional“ zu sehen. Drei lokale Künstler überzeugen dabei mit ästhetischer Qualität und Vielfalt. Von Florian Stegmaier

Die Ausstellung im ersten Obergeschoss der Städtischen Galerie ist noch bis 14. Juli zu sehen.Foto: Carsten Riedl
Die Ausstellung im ersten Obergeschoss der Städtischen Galerie ist noch bis 14. Juli zu sehen.Foto: Carsten Riedl

Unter dem Motto „drei.dimensional“ sind derzeit Arbeiten von Hans Albrecht, Wolfgang Scherieble und Judith Wenzelmann in der Städtischen Galerie im Kirchheimer Kornhaus zu sehen. Die Ausstellung ist zugleich der Kirchheimer Beitrag zum Projekt „Kunst in der Region“, das in turnusgemäßem Wechsel von den Städten Kirchheim, Nürtingen und Wendlingen getragen und dieses Jahr vom Kirchheimer Kunstverein veranstaltet wird.

Nach der Begrüßung durch Bürgermeister Günther Riemer übernahm Johannes Kaufmann von der Esslinger Villa Merkel die Aufgabe, in die einzelnen Werke und Positionen einzuführen. Er wandte sich zunächst den Arbeiten von Hans Albrecht zu, der in Zell unter Aichelberg lebt und auf ein Kunststudium an der Karlsruher Kunstakademie bei Professor Egon Kalinowski zurückblicken kann. Rechtwinklig, glatt und schwarz verströmen Albrechts Bodenarbeiten eine kühle Dominanz. Dennoch vermögen die streng geometrisch reduzierten Module auch auf ihre Umgebung zu reagieren und stehen mit der historischen Architektur des Ausstellungsraums in reizvoller Spannung.

Dem Betrachter eröffnen Al­brechts Arbeiten zudem die Chance, den eigenen Blick zu schulen. Lässt sich doch, wie Kaufmann hervorhob, in der vermeintlich schwarzen Monochromie ein Spiel von Licht und Schatten und Verschiebungen von Fläche und Tiefe entdecken, die dem flüchtigen Augenschein ebenso verborgen bleiben wie die trügerische Materialität der Werke: Was zunächst massiv scheint, entpuppt sich als filigran, Plastizität resultiert aus dem Dialog von Fläche, Licht und Raum.

Der Esslinger Künstler Wolfgang Scherieble, der an der Stuttgarter Kunstakademie bei Alfred Hrdlicka studierte, arbeitet mit Fundstücken. Deren künstlerische Bearbeitung betrifft nicht allein das physisch gegebene Objekt. Scherieble bringt die Semantik der Dinge zum Schwingen. Alte Bienenkästen, vorgeblich landwirtschaftliches Gerät und andere Requisiten ungewisser Provenienz tragen einen Reichtum unerzählter Geschichten in sich, die den Assoziationsspeicher der Betrachter aktivieren und vom Künstler nach unterschiedlichen Aspekten vorangetrieben werden. Wohl erhebt Scherieble die Patina zur eigenständigen ästhetischen Qualität. Dennoch verlieren sich seine Arbeiten weder in Nostalgie noch in melancholischer Weltflucht. Der ironische Blick auf den Mythos kommt bei Scherieble gleichauf neben der klarsichtigen Diagnose gesellschaftlicher Gegenwart zum Stehen.

Im Vergleich mit den gegensätzlichen Positionen von Albrecht und Scherieble ordnete der Laudator die Arbeiten von Judith Wenzelmann in einer Mittelstellung ein: „Ästhetisch nicht gänzlich konkret, ein wenig gegenständlich und ein bisschen abstrakt.“ Auch hier begegnen dem Betrachter Fundstücke wie Holzstühle aus den 60er-Jahren oder akkurat in Vitrinen aufgereihte Milchaufschäumer aus Metall. Die dynamische Leichtigkeit, die Kaufmann der Stuhl-Installation attestierte, machte er vor allem an dem Vermögen der Künstlerin fest, ihre Objekte befreien zu können: „Sie dürfen mit dem Raum und der Welt interagieren, bekommen eine Persönlichkeit und können bisher ungehörte Empfindungen zum Ausdruck bringen.“ Judith Wenzelmann lebt in Kirchheim. Ihre künstlerische Ausbildung hat sie an der Freien Kunstakademie Nürtingen bei Almut Glinin und Hilmar Braun erhalten.

Eine musikalisch sensible Umrahmung erfuhr die Vernissage durch den Gitarristen Stefan Barcsay, der den versammelten bildhauerischen Positionen zeitgenössische Kompositionen zur Seite stellte.

Die Ausstellung „Kunst in der Region - drei.dimensional“ ist noch bis einschließlich Sonntag, 14. Juli, im ersten Obergeschoss der Städtischen Galerie im Kornhaus zu sehen.

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