Kirchheim

Den Leidtragenden ein Gesicht geben

Der Arbeitsplatz von Fotograf Kai Wiedenhöfer sind Kriegsschauplätze wie Syrien

Kriegsopfer sind nicht nur eine abstrakte Zahl. Es sind Menschen. Diese Botschaft will der Kirchheimer Kai Wiedenhöfer mit seinen Fotos übermitteln.

Kai Wiedenhöfer (rechts) ist als Fotograf mitten im Geschehen. Auf dem Foto versucht er, mit einem ABC-Korrespondenten und zwei
Kai Wiedenhöfer (rechts) ist als Fotograf mitten im Geschehen. Auf dem Foto versucht er, mit einem ABC-Korrespondenten und zwei Menschen vom Roten Kreuz eine Frau in einer Decke zu evakuieren. Foto: privat

Kirchheim. Es sei ein Paradox des Krieges, dass die Verletzung einer Einzelperson einen größeren Eindruck auf uns macht – das Gesicht desjenigen, das wir sehen können, der Name, das persönliche Schicksal. Je größer die Opferzahlen jedoch werden, umso weniger sei man emotional berührt. Doch: „Zahlen sind abstrakt – Menschen sind es nicht.“

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Mit diesen eindringlichen Worten beginnt der vielfach ausgezeichnete Dokumentar- und Kriegsfotograf Kai Wiedenhöfer den Epilog seines 2016 erschienenen Bildbands „Syrian Collateral“, welcher 40 Porträts syrischer Kriegsverletzter – Männer, Frauen und Kinder, die Wiedenhöfer im Libanon und in Jordanien getroffen hat – sowie 22 Panoramaaufnahmen völlig zerbombter Häuser und Städte beinhaltet. Darunter sind auch Bilder aus Kobane im Norden Syriens.

Kai Wiedenhöfer war dort, hat die schrecklichen Ausmaße des Krieges mit eigenen Augen gesehen und mit seiner Kamera festgehalten. Im Epilog des Bildbandes schreibt er, es sei schwer zu glauben, zu was Menschen fähig seien: „So müssen viele europäische Städte nach dem Zweiten Weltkrieg ausgesehen haben“, schreibt er. Für ihn ist es die Aufgabe der Politik, nach vielen Jahren des Zuschauens, endlich umfassend zu handeln. Seit 2012 fotografiert der aus Kirchheim stammende und in Berlin lebende Fotograf das vom Krieg zerstörte Land Syrien und seine Bewohner. Noch bis Ende Oktober sind die Aufnahmen in der Fotoausstellung „WARonWALL“ auf 360 Metern an der Berliner Mauer zu sehen.

„Die ersten Kontakte habe ich zu den Menschen geknüpft, die mit den Verletzten zu tun hatten. Also Ärzte, Sanitäter oder auch Exil-Syrer“, erzählt Wiedenhöfer. „Es war anfangs sehr schwierig, ich habe zwischendurch auch daran gedacht, das Projekt abzubrechen.“ Nach und nach hätten sich die Kontakte dann allerdings weiterentwickelt, die Zahl der Ansprechpartner stieg, die Treffen und Gespräche mit Kriegsverletzten wurden möglich. „Es geht mir darum, mit meinen Bildern die Kriegsrealität zu vermitteln. Ich möchte die Folgen des Krieges zeigen und nicht das Ereignis oder die Kriegshandlung an sich.“ Warum werden in den Medien überhaupt Bilder des Islamischen Staats (IS) gezeigt? Natürlich lasse sich das in der heutigen Zeit schon durch das Internet nicht vermeiden, aber bei der Verbreitung solcher Bilder geht es für Wiedenhöfer nur um die Sensation – ganz gemäß dem Motto: „If it bleeds, it leads“.

Bei den vielen Treffen mit Kriegsversehrten, den behutsamen Gesprächen über ihr persönliches Schicksal ist Kai Wiedenhöfer eine Begegnung besonders in Erinnerung geblieben. Es ist die Geschichte der elfjährigen Sundus Hawarna, einem Schulkind aus Jasim in Süd-Syrien. Das Mädchen hat durch den Abwurf einer Fassbombe ihre Eltern und ihre drei Brüder verloren und lebt nun in der Obhut ihrer Tante. „Ich habe ein paar ganz allgemeine Fragen gestellt, etwa zum Namen, Alter oder der Herkunft und ansonsten jeden selbst erzählen lassen.“ Doch Sundus begann immer wieder heftig zu weinen und zu zittern. Ihre Tante Amal erzählte dem Fotografen, dass das seither täglich passiere. Sundus ist wie so viele der Kriegsopfer schwer traumatisiert. Sie ist eine von mehr als 1,5 Million Syrern, die im Bürgerkrieg verletzt wurden, der im Frühjahr 2011 begann.

„Laut WHO werden monatlich 25 000 Menschen verletzt, die meisten von ihnen schwer“, sagt Wiedenhöfer. „45 Prozent davon sind Frauen und Kinder, zehn bis 15 Prozent müssen nun mit amputierten Gliedmaßen und der daraus resultierenden Behinderung leben." Das sind Zahlen, die abstrakt sind. Doch durch die Bilder von Kai Wiedenhöfer bekommen die Kriegsopfer ein Gesicht – sind so viel mehr als eine Zahl. Viele dieser Bilder werden oft nicht gezeigt – etwa aus ethischen Gründen. Doch für Wiedenhöfer ergibt es keinerlei Sinn, wegzuschauen. Ganz im Gegenteil. „Wir leben in Europa auf einer Insel der Glückseligen und jammern oft auf einem sehr hohen Niveau“, sagt er. Allein schon durch die Flüchtlingsströme seien die Europäer jetzt zum Umdenken gezwungen. Sie müssen reagieren. „Es geschehen Dinge, mit denen wir umgehen müssen. Wir leben in keiner Isolation“, sagt der Fotograf. Auch er persönlich habe durch die unmittelbare Konfrontation gelernt, wieder das mehr zu schätzen, was man eigentlich hat – sei es materiell oder die Freiheit selbst.

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