Kirchheim

Der „Biber“ ersetzt eine ganze Band

Konzert Matthias Herrmann spielte im Alten Gemeindehaus in Kirchheim und begeisterte die Zuschauer. Auch eine Gitarrenrarität kam dabei zum Einsatz. Von Bernhard Fischer

Matthias Herrmann hatte bei seinem Auftritt sein Gitarrenarsenal dabei. Foto: Bernhard Fischer
Matthias Herrmann hatte bei seinem Auftritt sein Gitarrenarsenal dabei. Foto: Bernhard Fischer

Auch Matthias Herrmann alias „Biber“ hat nur fünf Finger an jeder Hand. Doch damit erschafft er mit seinen Gitarren den Sound einer ganzen Band. Er entlockt den Saiten Melodielinien, gleichzeitig die treibenden Akkorde der Rhythmus-Gitarre, legt die Basslinie darunter und lässt auch noch das Schlagzeug erklingen. Doch damit nicht genug, taucht er mit Gesang und Mundharmonika tief ein in die Geschichte von Blues und Folkmusik. Auf Einladung des club bastion gastierte er im Alten Gemeindehaus am Alleenring mit seinem aktuellen Programm „Grounded“.

Herrmann hatte an diesem Abend ein Programm aus eigenen Kompositionen und unvergesslichen Klassikern der Bluesgeschichte mitgebracht, dazu auch die passenden Gitarren. Nach zwei eigenen Songs greift Herrmann zu einem besonderen Schatz, einer „Resonator“-Gitarre aus dem Jahr 1925. Vor den Zeiten der elektrischen Verstärker wurden diese klingenden Gitarren konstruiert, um auch in lärmenden Kneipen gehört zu werden. „Come in my Kitchen“, eines der Meisterwerke des legendären Bluesmusikers Robert Johnson, lässt Hermann rau erklingen.

„Biber“ Herrmann steht in der Tradition dieser frühen reisenden Musiker. Auch er ist große Teile des Jahres unterwegs. Er erzählt, wie ihn Situationen zu Songs inspiriert haben. Ein neueres Lied spiegelt seine Bestürzung, dass in einem abgelegenen Hotel nur Tage, nachdem er dort war, ein Liebespaar zu Tode kam. „Wie wäre das gewesen, wenn ich dort gewesen wäre?“ Ein anderer Song verarbeitet die Herausforderung, am Abend der Terroranschläge in Paris im Jahr 2015 auf die Bühne gehen zu müssen und schließlich dennoch die Musik als Trost in schweren Zeiten zu erleben.

Neben zwei Westerngitarren hat Biber an diesem Abend auch eine sogenannte „Hawaiigitarre“ oder auch „Lap-Steel-Gitarre“ mitgebracht. Die Gitarre liegt auf dem Schoß, während man sie spielt, die Töne werden nicht an den Bünden gegriffen, sondern mit einem Metallstab auf den Saiten gleitend gespielt. Passend zum Instrument stimmt der Virtuose darauf „Let’s talk dirty“ im Hawaiisound an. Ebenso zelebriert Herrmann einen weiteren Klassiker der Bluesgeschichte. Schon etwa 1927 komponiert, trug der „Bull-Doze-­Blues“ Ende der 60er-Jahre als „Going up the country“ in der Version der Gruppe Canned Heat zu einem erneuten Blues-Revival bei. Herrmann demonstriert auch in diesem Stück, wie sich Melodie, Rhythmus, Bass, Perkussion und Gesang zu einem musikalischen Erlebnis zusammenfinden.

Viele Geschichten weiß der Künstler zu erzählen: Wie er sich als Elfjähriger die ersten Griffe auf der Gitarre beigebracht hat, wie er als Autodidakt an einer Opernaufführung von Benjamin Britten mitwirken konnte oder wie er den großen Konzertveranstalter Fritz Rau jahrelang auf Lesereisen musikalisch begleitet hat. Nach seiner Erfahrung als gelernter Weinbauer stimmt er auch Bob Dylans „I ain’t gonna work on Maggie’s farm no more“ aus vollem Herzen zu.

Ein Abend voller Liebe zur Tradition, zur Macht des Rhythmus und voller Mut zu neuen Anfängen, auch in Zeiten von Corona.

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