Kirchheim

Der doppelte Andreas

Politik Der SPD-Landtagsabgeordnete Andreas Kenner hatte zum Stammtisch nach Kirchheim eingeladen. Mit im Gepäck: sein Fraktionsvorsitzender Andreas Stoch. Von Gerd Esslinger

Andreas Stoch, Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion, besucht am Donnerstag, den 21. Juni 2018 den Wahlkreis Kirchheim. Es stehe
Andreas Stoch in Kirchheim.

Der Anstecker von Kirchheim in Silber, der von Baden-Württemberg in Gold zieren das Revers des Jackets von Andreas Kenner, als er mit Vornamensvetter Andreas Stoch im Schlepptau beim SPD-Stammtisch im Biergarten des Kirchheimer Wachthauses aufschlägt. „Den von Europa hab ich weggelassen, sonst hätte ich ausgesehen wie ein Sowjetgeneral“, meint der Landtagsabgeordnete Kenner schmunzelnd, entledigt sich seines Kittels, bestellt sich ein „echtes“ Bier und begrüßt die Gäste.

Trotz Bier ernüchternd: Obwohl plakatiert, offen für alle und mit einem prominenten Gast - Andreas Stoch ist immerhin Vorsitzender der Landtagsfraktion - sitzen nur die regionalen SPD-Größen am Stammtisch. Darunter die üblichen Verdächtigen: Stadträtin Tonja Brinks, Ortsvereinsvorsitzender Martin Mendler, Kreisrätin Marianne Gmelin und einige Bürgervertreter und Funktionsträger aus den umliegenden Gemeinden. An der Konkurrenz von König Fußball kann das mangelnde öffentliche Interesse nicht liegen, schließlich ist der Stammtisch mit anschließendem Public Viewing angekündigt, mit der aus deutscher Sicht allerdings wenig prickelnden Partie Frankreich gegen Peru.

Wesentlich spannender sind da die Eindrücke Andreas Stochs, die er beim vorausgegangen Besuchsprogramm von regionalen Unternehmen gewonnen hatte - bei Schempp-Hirth in Kirchheim und bei Scholderbeck in Weilheim. Die „Hidden Champions“, wie er sie nennt, waren für den Landespolitiker beeindruckend in puncto Präzision, Liebe zum Detail und Unternehmergeist. „Wenn jemand vier Millionen investiert, von acht auf 120 Beschäftigte aufstockt und auf regionale, ökologische Produkte setzt, da gehört Mumm dazu“, meint Stoch nicht ohne Bewunderung in Bezug auf die Bäckerei. Mumm, den Stoch anderweitig vermisst, bei der deutschen Politik genauso wie bei der Nationalmannschaft - womit der Brückenschlag zum bereits angepfiffenen WM-Spiel gelungen wäre.

Allerdings gerät das zur Nebensache. Viel interessanter: Stochs Einblicke ins politische Nähkästchen - aus seiner Zeit als Kultusminister in Baden-Württemberg, „im Kampf gegen die grünen Spar-Bataillone“, aber auch seine Einschätzung der jetzigen Regierung hinsichtlich der Wohnbaupolitik, wo sich Grün-Schwarz nicht ganz grün seien. „Sie ziehen zwar an einem Strang, aber an unterschiedlichen Enden“ meint Stoch, während der französische Stürmerstar Mbappé trotz schlechten Flügelspiels das 1:0 erzielt, von niemandem bemerkt.

Apropos Flügelspiel - bei den Linken sieht Stoch durchaus eine mögliche politische Schnittmenge, bei den „15-Prozent-Vögeln ganz rechts allerdings nur Plattitüden und keine Lösungen“. Andreas Kenner pointiert die Aussage: „Wenn ich den ganz Linken und den ganz Rechten zuhöre, habe ich den Eindruck, das ist nicht das Land, in dem ich lebe.“

Währenddessen bringt der Kellner Andreas Stoch seinen Wurstsalat, natürlich die schwäbische Variante, mit Schwarzwurst - aber ohne Koalitionsaussage, wie Stoch betont. Eine glückliche Wahl, denn Salat wird nicht kalt, und der Fraktionsvorsitzende kommt vor lauter Diskutieren kaum zum Essen. Besonders bei bildungspolitischen Themen, frühkindliche Erziehung, Sprachunterricht für Zuwanderer und dem Thema lebenslanges Lernen bleibt die Salatgabel lange Zeit ungenutzt. „Ich weiß, das ist kein Gassenhauer am SPD-Stand, aber ungemein wichtig“, sagt Stoch, wissend um die Probleme der Basis. „Demokratie ist harte Arbeit, aber man muss sie auch verkaufen“, weiß der Landespolitiker und erwähnt dabei die erfolgreiche Lindner-Kampagne im Schießer-Feinripp und Digitalisierung first. Der Einwand aus der Runde „Schulz in Feinripp wäre kein Bringer gewesen“ sorgt für einen Lacher.

Und zur schönsten Nebensache der Welt - während Stoch bei seinem WM-Favoriten abwägt und keinen Titelaspiranten erkennen kann, bekennt sich Kenner spontan zu „England, ich liebe den englischen Fußball“. Der doppelte Andreas, das ist ähnlich einem Doppelpass zwischen dem analytisch dirigierenden Tony Kroos und einem kalauernden Thomas Müller. Mal sehn, wie‘s heute klappt. Frankreich hat jedenfalls gewonnen.

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