Kirchheim

Der große Ansturm lässt auf sich warten

Politik Der nächste Schritt in Richtung Gleichberechtigung ist geschafft: Die „Ehe für alle“ ist da. Bei den Standesämtern rund um die Teck stehen die Telefone noch still. Von Melissa Seitz

Foto: Wolfgang Kumm / DPA
Foto: Wolfgang Kumm / DPA

Ja zur Liebe. Ja zur gleichgeschlechtlichen Ehe. Ja zur Gleichberechtigung. Der 30. Juni 2017 ist ein Tag, der in die Geschichte eingeht: 393 von 623 Abgeordneten haben sich im Bundestag für die „Ehe für alle“ ausgesprochen. Heiraten kann bald jeder, der sich liebt, ganz egal, was für eine sexuelle Orientierung er hat. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat das Gesetz zur Gleichstellung unterschrieben. Voraussichtlich Anfang Oktober können die ersten schwulen und lesbischen Paare die Rathäuser in Deutschland stürmen, ihre Lebenspartnerschaften in Ehen umwandeln oder heiraten. In den Standesämtern rund um die Teck lassen die Anfragen noch auf sich warten.

 

„Ein Tag nachdem die Öffnung der Ehe beschlossen wurde, ist ein gleichgeschlechtliches Paar bei uns auf dem Standesamt eine Lebenspartnerschaft eingegangen“, erzählt Jochen Schilling, Leiter der Abteilung Standesamt und Bürgerdienste in Kirchheim. Die beiden waren so begeistert von dem neuen Gesetz, dass sie sich sofort an Ort und Stelle über die „Ehe für alle“ informierten. Jochen Schilling freut sich, dass er bald die ersten homosexuellen Paare trauen kann: „Der Vorgang ist doch derselbe. Es sind dann halt nur zwei Männer oder zwei Frauen anstatt einem Mann und einer Frau.“

 

Wenn er in Kirchheim aus zwei Partnern offiziell zwei Lebenspartner macht, empfindet er die Atmosphäre als etwas ganz Besonderes. „Homosexuelle Paare gehen so liebevoll miteinander um. Es herrscht oft eine ganz andere Stimmung als bei einer normalen Trauung“, schwärmt er.

 

Nur zwei Paare haben nachgehakt

 

In Kirchheim gibt es insgesamt 13 eingetragene Lebenspartnerschaften. Nur zwei Paare haben sich bisher über das neue Gesetz informiert. Für den Standesamtschef ist das kein Wunder: „Viele warten ab, bis das Gesetz dann wirklich in Kraft tritt. Die meisten homosexuellen Paare sind es gewohnt, dass Änderungen an ihrer Situation immer ein bisschen dauern. Aber alles, was kommt, ist besser, als wenn sich nichts ändert.“

 

Die „Ehe für alle“ würde Jochen Schilling nicht als Meilenstein bezeichnen, dafür aber die eingetragene Lebenspartnerschaft. „Homosexuelle Paare konnten dadurch aus dem Dunkeln treten und sich endlich zueinander bekennen“, sagt er. Trotzdem ist das neue Gesetz ein wichtiger Schritt: „Homosexuelle Paaren haben mit einer Eheschließung endlich die gleichen Rechte und Pflichten wie heterosexuelle Eheleute.“

 

In Weilheim gibt es zwei gleichgeschlechtliche Paare, die ihre Liebe auch auf dem Papier verewigt haben. Seitdem die „Ehe für alle“ beschlossen wurde, klingelte zweimal das Telefon im Weilheimer Standesamt. Am anderen Ende der Leitung: Paare, die sich über das neue Gesetz informieren wollten. Dass ab Oktober ein großer Andrang im Rathaus herrscht, vermuten die Mitarbeiter eher nicht. Schließlich vergingen vier Jahre, bis nach der ersten eingetragenen Lebenspartnerschaft das zweite Paar den Weg ins Standesamt gefunden hat.

 

In Bissingen und Ochsenwang scheint das Thema „Gleichgeschlechtliche Ehe“ kaum die Runde zu machen. Im Standesamt der Gemeinde gibt es bisher keine eingetragenen Partnerschaften. Vielleicht haben sich aus diesem Grund auch noch keine gleichgeschlechtlichen Paare über das neue Gesetz informiert. Irmgard Maier, Standesbeamtin in Bissingen, kann sich vorstellen, dass es, bevor das Gesetz in Kraft tritt, noch Schulungen zu diesem Thema geben könnte.

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