Kirchheim

Der Kampf „mit papiernen Kugeln“

Kriegsende Zehn Wochen nach dem Sturz der Monarchie steht am 19. Januar 1919 die Wahl zur Nationalversammlung an. Damit ist der Boden für die erste deutsche Demokratie bereitet. Von Andreas Volz

Diese Ausstellungsgegenstände im Kirchheimer Rathaus stehen sowohl für bürgerliche als auch für sozialdemokratische Interessen,
Diese Ausstellungsgegenstände im Kirchheimer Rathaus stehen sowohl für bürgerliche als auch für sozialdemokratische Interessen, wie sie bei den Wahlen im Januar 1919 aufeinanderprallten.Foto: Carsten Riedl

Am Abend des 19. Januar 1919 war sie geschlagen, die erste große „Schlacht“ der neuen deutschen Demokratie: Aus der Wahl zur Nationalversammlung gingen in Kirchheim und Umgebung erneut die Sozialdemokraten als Sieger hervor - wie schon eine Woche zuvor bei der Wahl zur Landesversammlung. Dabei waren sie im Wahlkampf keineswegs zimperlich: Noch am Tag vor der Wahl hatten sie im Teckboten an die Wähler appelliert, „für Demokratie, Frieden und Volkswohlfahrt“ sowie „gegen Reaktion und Ausbeutung“ zu stimmen.

Damit der Wähler auch wusste, was er zu tun hatte, war ihm zusätzlich noch erklärt worden, wen er nicht wählen sollte: weder die Württembergische Bürgerpartei noch die Deutsche demokratische Partei oder die verschiedenen neuen Bauernparteien. Diese Parteien werden als „die schlimmsten Volksverderber“, als Interessenvertreter des Großkapitals oder der nationalliberalen Kriegshetzer dargestellt, die im Zweifelsfall „ihr wahres Antlitz nicht mehr zu zeigen wagen“.

Aber auch nach links teilt die Sozialdemokratie aus: Ohne auf Rosa Luxemburg oder Karl Liebknecht einzugehen, die nur drei Tage zuvor in Berlin getötet wurden, heißt es in der Kirchheimer Wahlwerbung der Sozialdemokratischen Partei: „Wählt nicht die Unabhängigen und Spartakusleute, die es auf die Vergewaltigung der Volksmehrheit abgesehen haben und Unmögliches verlangen.“

Die anderen Parteien teilen aber am Tag vor der Nationalwahl ebenso unbekümmert aus. Der Deutschen demokratischen Partei wird vorgeworfen, die Wähler der Bürgerpartei zum Überlaufen zu animieren: „Man sagt ihnen: Bei der Landeswahl hast du aus religiösen, kirchlichen Gründen für die Bürgerpartei gestimmt, in Berlin aber bei der Nationalversammlung handelt es sich nicht um religiöse und kirchliche Fragen.“ Der Schreiber fordert die Wähler auf, dieser Argumentation nicht zu folgen und erneut die Bürgerpartei zu wählen. Der Gegner wird entsprechend schlechtgemacht: „Das ist eben das Bedenkliche, ja Gefährliche, daß der Geist, der in der D. demokr. Partei in der Berliner Nationalversammlung herrschen wird, keineswegs derselbe sein wird, wie der im Land.“

Und was machen die „Demokraten“? Sie warnen davor, sozialdemokratisch zu wählen: Es sei falsch, „wenn man im Aerger über den Mißerfolg des Kriegs oder über ungeschickte Maßnahmen von Behörden eine Partei wählt, zu der man sonst nicht gehen würde.“ Die Mehrheit derjenigen, die die Sozialdemokratie im Land gewählt haben, hätten dies also nur aus Opposition zur alten Regierung des Kaiserreichs getan. Immerhin aber bekennt sich die Deutsche demokratische Partei am 18. Januar 1919 zu den Grundprinzipien der Demokratie, wenn sie „auch die Mitarbeit der Sozialdemokratie“ begrüßt: „Ausschließung eines Teiles des Volkes von praktischer politischer Mitarbeit würde dem Ganzen nur schaden“.

Am Montag, 20. Januar 1919, berichtet der Teckbote nahezu lyrisch über die Wahl aus Sicht des Wahlvorstehers: „Abgesessen - gottlob! - sind im Wahlbureau die langen Stunden von morgens 9 bis abends 8. Das ist kein Achtstundentag gewesen.“ Und doch war es interessant, „den Aufmarsch der Kämpfer und - vor allem dann! - der Kämpferinnen anzusehen, die diesmal mit papiernen Kugeln schossen“. Viel prosaischer heißt es weiter: „Auch der gestrige Wahltag ist wie der vor 8 Tagen in aller Ruhe und Ordnung verlaufen, was zu einem großen Teil auf den gut organisierten Sicherheitsdienst des hiesigen Soldatenrats zurückzuführen sein dürfte.“

Beachtlich hohe Wahlbeteiligung

Im Ergebnis unterscheidet sich die Nationalwahl in Kirchheim kaum von der Landeswahl. Nur scheint das Land den Kirchheimern wichtiger gewesen zu sein: Zwischen den Wahlen war die Zahl der Wahlberechtigten im Bezirk um 107 gestiegen, die in dieser einen Woche das Wahlalter erreicht hatten. „Trotzdem“, heißt es im Teckboten, „haben 396 Wähler weniger abgestimmt als das letztemal.“ Ein erstes Zeichen von Politikverdrossenheit? Wohl kaum: Die Wahlbeteiligung lag im Oberamtsbezirk Kirchheim immer noch bei phänomenalen 89,4 Prozent.

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