Kirchheim

Der Lagerkoller bleibt diffus

Soziales In der Familienberatung sind die Folgen von Corona noch nicht in vollem Umfang angekommen. Diese können sich aber zeitverzögert bemerkbar machen, erklären Mitarbeiter der Stiftung Tragwerk. Von Thomas Zapp

Wenn wegen Corona alle zu Hause sind, fällt es oft schwerer, sich am Telefon zu öffnen. Foto: Jean-Luc Jacques
Wenn wegen Corona alle zu Hause sind, fällt es oft schwerer, sich am Telefon zu öffnen. Foto: Jean-Luc Jacques

Die Corona-Krise hat viele öffentlich sichtbare Folgen, etwa die Maskenpflicht beim Einkaufen. Sie hat aber auch Konsequenzen, die sich im Verborgenen abspielen. So können sich aus dem ständigen Zusammensein aller Familienmitglieder Spannungen ergeben.

Einen Einblick in familiäre Konflikte kriegen nicht erst seit Corona Roswitha Sylla und Sandra Seegis von der Psychologischen Beratungsstelle für Erziehungs-, Familien- und Lebensfragen der Stiftung Tragwerk in Kirchheim. Die Pandemie stellt viele Familien aber vor neue Herausforderungen. „Am Anfang hatten die meisten Vertrauen, dass sie es gut schaffen. Mit zunehmender Dauer der Maßnahmen werden sie aber ungeduldig“, sagt Roswitha Sylla, Leiterin der Beratungsstelle. Gerade bei einer Familie mit mehreren Kindern seien die Anforderungen für die Eltern unterschiedlich und anstrengend: Kleine Kinder wollen beschäftigt werden, Jugendliche hängen am Handy, Grundschulkinder brauchen Hilfe bei den Hausaufgaben.

Allerdings sind vermehrte Anfragen von stark belasteten Familien bislang noch ausgeblieben. „Eine Erklärung ist, dass Schule und Kita als diejenigen, die auf angespannte Situationen in der Familie aufmerksam werden und die Eltern auf Hilfemöglichkeiten hinweisen können, zurzeit nicht im Kontakt mit den Kindern sind“, sagt Jürgen Knodel, Vorsitzender der Stiftung Tragwerk.

Gewalt erst später thematisiert

Bislang wird Ratsuchenden eine Telefonberatung angeboten, viele warten aber auch lieber, bis wieder ein persönliches Gespräch möglich ist. Bei Kindern stellt sich die Lage schwieriger dar, denn sie drücken ihre Empfindungen beim Spielen oder Malen aus. „Darum ist ein telefonischer Kontakt mit Kindern und Jugendlichen nicht immer ausreichend“, sagt Jürgen Knodel. Ein weiterer Schwerpunkt in der Beratung sind Beziehungsprobleme. Auch dort gibt es noch keine Auffälligkeiten. „Bei der partnerschaftlichen Gewalt stellen wir keine spezifische Steigerung fest“, sagt Sandra Seegis. Die meisten Erstanfragen haben mit Problemen des familiären Zusammenlebens zu tun. Aber das könne auch an der momentanen besonderen Situation liegen, meint sie. „Die Leute sind nicht alleine zu Hause. Wenn alle mithören können, ist es einfacher, zunächst nicht über schwierige Themen zu reden“, sagt sie. Wenn Gewalt eine Rolle spielt, wird diese meistens erst im weiteren Verlauf der Beratung angesprochen.

Wichtig ist beiden Beraterinnen sowie Jürgen Knodel, dass es sich bei der Tragwerk-Beratung um ein rein freiwilliges Angebot handelt. Sämtliche Informationen werden vertraulich behandelt. Manchmal kann es auch vorkommen, dass die Beraterinnen im Gespräch mit der Mutter das Kindeswohl gefährdet sehen. „Wir unterstützen dann als Begleitung die betreffende Person, dass sie selbst die notwendigen Schritte gehen kann“, betont Roswitha Sylla. „Wir bieten in solchen Fällen eine Beratung im persönlichen Kontakt an, mit allen erforderlichen Schutzmaßnahmen.“

In Zeiten der Isolation in den heimischen vier Wänden sind die einfachen Tipps oft die besten. „Die Tagesstruktur ist bei vielen weggefallen. Da ist es wichtig, gemeinsam einen Plan für den Tages- ablauf zu machen“, sagt Roswitha Sylla. Dann sei Bewegung wichtig und regelmäßig nach draußen zu gehen. Gerade in kleineren Wohnungen fehle es an Rückzugsmöglichkeiten, wenn alle zu Hause sind. Für Kinder reiche manchmal schon ein Tuch und ein Tisch, um eine Höhle zu bauen.

In der öffentlichen Diskussion wünscht sich Jürgen Knodel, dass die Politik ihren Fokus erweitert: „Auf Kinder und Jugendliche wird zu wenig geschaut, auch die Familien sind zu wenig im Blick“, sagt er. Von den angekündigten Lockerungen profitiert nun aber auch die Stiftung: „Wir wollen wieder verstärkt in die persönliche Beratung einsteigen.“ Da gebe es auch in Corona-Zeiten Möglichkeiten, in den Beratungsräumen mit ausreichendem Abstand oder im Freien mit therapeutischen Spaziergängen. Wichtig sei bei dem Übergang zur Normalität, sich an das Positive zu erinnern. „Wir erleben, dass Familien durch die Zwangsentschleunigung stärker zusammenfinden.“ Es gibt positive Seiten der Corona-Pandemie. Auch dies ist eine Erkenntnis der Beraterinnen.

Telefonisch stehen bei der Stiftung Tragwerk aktuell sechs Fachberaterinnen zur Verfügung: Am Montag, Dienstag und Freitag von 9 bis 12 Uhr, am Mittwoch von 10 bis 12 Uhr und 13 bis 15 Uhr, sowie bis auf Weiteres am Donnerstag von 10 bis 13 Uhr. Die Telefonnummer lautet: 0 70 21 /48 55 90.

Tipps gegen Lagerkoller in der Corona-Krise hat die Stiftung Tragwerk auf ihrer Website www.stiftung-tragwerk.de/psychologische-beratungsstelle gesammelt.

Im Landkreis gibt es sechs psychologische Beratungsstellen, die Familien in Erziehungsfragen und Lebensfragen unterstützen. Hier gibt es weiterführende Informationen: Vom Landratsamt auf www.landkreis-esslingen.de/psychologische-beratung, vom Kreisdiakonieverband auf www.kdv-es.de und von der Caritas Neckar-Fils auf www.pfl-esslingen-nuertingen.de.

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