Kirchheim

Der Rat bleibt souverän

Besuchen Sie Europa - solange es noch steht: Diesen Rat erteilte die Band „Geier Sturzflug“ vor 36 Jahren. Er ist aktueller denn je, und er lässt sich auch auf Kirchheim anwenden. Die Zukunftsvisionen, die jetzt im Gemeinderat anklangen, sind die reinsten Horrorvisionen: Noch einmal 36 Jahre, und die gesamte Alleenstraße könnte so aussehen wie die „Lauterterrassen“, die gerade gebaut werden. Bislang lassen diese allerdings nur ein geringes Ausmaß des künftigen Schreckens erahnen. Das Eckgebäude am Kreisel - auch so ein markanter Standort für einen „städtebaulichen Akzent“ - wird mit seiner Höhe die gesamte Umgebungsbebauung nämlich gehörig in den Schatten stellen.

Einzelnen Gemeinderatsmitgliedern graut es jetzt schon, wenn sie erkennen müssen, was für ein Klotz dort in die Höhe wächst, und wenn sie direkt vor Augen gehalten kriegen, was sie durch ihre Zustimmung abgesegnet haben. An der Ecke Schüle­straße / Alleenstraße haben sie sich jetzt für ein Stockwerk weniger entschieden als vom Investor vorgesehen. Das ist ein gutes Zeichen, denn genau das sind die Akzente, die ein Gemeinderat zu setzen hat: Wenn sich die Höhenentwicklung schon nicht aufhalten lässt, so ist sie doch zu bremsen, solange es geht.

17 Meter Firsthöhe sind gegenüber dem Schloss immer noch gewaltig. Auch da wird es zum verwunderten Augenreiben kommen, wenn der Neubau seine endgültige Höhe auch nur näherungsweise erreicht hat. Trotzdem ist es beachtlich, dass sich der Gemeinderat dazu durchgerungen hat, nicht auch noch die geforderten 2,50 Meter zusätzlich obendrauf zu setzen.

Es ist auch eine wichtige Aussage der Oberbürgermeisterin, wenn sie die Entscheidungshoheit des Gemeinderats über alles stellt. Damit stärkt sie den Ratsmitgliedern den Rücken und macht sie frei dafür, ihre Entscheidungen wirklich nach bestem Wissen und Gewissen zu treffen. Keiner musste sich bei der Abstimmung fragen, ob der Investor Regressansprüche stellen kann, wenn der Bebauungsplan seinen Wünschen nicht voll und ganz entspricht. Der Gemeinderat allein schafft das Recht, auf das es ankommt.

Und was bringt die Zukunft? Hoffentlich schon bald die Möglichkeit für den Gemeinderat, durch virtuelle Modelle zu „spazieren“, bevor gebaut wird: Jeder „Horrorfilm“, der verhindert, dass der Horror Realität wird, hätte eine heilende Wirkung.     Andreas Volz

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