Kirchheim

„Der Staat steht kurz vor dem Kollaps“

Nahost Pierre Jarawan, Kirchheimer Schriftsteller mit libanesischen Wurzeln, spricht über die Katastrophe in Beirut. Von Antje Dörr

Pierre Jarawan schreibt Romane. Sein neuestes Buch heißt „Ein Lied für die Vermissten“.
Pierre Jarawan schreibt Romane. Sein neuestes Buch heißt „Ein Lied für die Vermissten“. Foto: Marvin Ruppert

Wie haben Sie von der verheerenden Explosion im Libanon erfahren?

Pierre Jarawan: Ich habe von der Explosion über das Video meines Cousins erfahren, der in Beirut lebt. Erst nach und nach ist mir das Ausmaß bewusst geworden, und natürlich bin ich noch immer schockiert und betroffen. Das Land wurde von dieser Katastrophe getroffen, als es bereits am Boden lag, der Staat steht kurz vor dem Kollaps. Mein Cousin ist zum Glück unverletzt geblieben.

Was bedeutet diese Katastrophe für die Zukunft des Landes?

Jarawan: Das ist schwer abzusehen. Etwa 300 000 Menschen sind aufgrund der Explosion ohne Obdach. Das ist im Verhältnis so, als verlören rund 5,5 Millionen Deutsche auf einen Schlag ihr Zuhause. Und das mitten in der größten Wirtschaftskrise in der Geschichte des Landes und inmitten der Pandemie. Der Libanon leidet seit Jahrzehnten unter Korruption und Misswirtschaft der herrschenden Klassen. Stundenlange Stromausfälle sind an der Tagesordnung. Seit vergangenem Oktober gab es riesige Proteste in Beirut, die nur wegen des Lockdowns gebremst wurden, der die wirtschaftliche Lage natürlich verschärft hat. Bei der Explosion vom Dienstag wurde ein riesiges Getreide­silo zerstört, jetzt droht eine Hungersnot. Die Weltbank schätzt, dass bis zum Jahresende jeder zweite Libanese unterhalb der Armutsgrenze leben wird. Die Menschen haben es satt. Insofern ist es möglich, dass diese Explosion eine Implosion nach sich zieht. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Trauer in den kommenden Tagen in Wut umschlägt.

Wie groß ist Ihr Vertrauen in die Regierung, dass die Verantwortlichen gefunden und bestraft werden?

Die Regierung wird schnell darin sein, diejenigen zu bestrafen, die für die Lagerhalle am Hafen verantwortlich waren. Und zwar in erster Linie, um davon abzulenken, dass das eigentliche Problem die Regierung selbst ist. Es heißt ja, über Jahre hinweg seien Anträge zur Entsorgung der 2700 Tonnen Ammoniumnitrat, die jetzt explodiert sind, ignoriert worden. Wir sprechen hier von der Tatsache, dass Sprengstoff mit der Sprengkraft einer kleinen Atombombe über Jahre hinweg mitten unter Zivilisten gelagert worden ist. Die Libanesen wissen seit vielen Jahren, dass der Staat kein Interesse daran hat, sie zu schützen. Diese Explosion hat das der ganzen Welt gezeigt. 

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