Kirchheim

Der Staub der Jahrhunderte ist wie weggewischt

Musical Fetzige Lieder, verständliche Texte und spielfreudige Darsteller: Das Bochumer Theater Liberi gefällt mit Aschenputtel in der Stadthalle Kirchheim. Von Sabine Ackermann

Hallo Aschenputtel“, kündigt eine fröhliche Stimme aus dem Publikum ihr Erscheinen auf der Bühne an. Doch Aschenputtel ist alles andere als froh, traurig sitzt das zerbrechlich wirkende Mädchen in ihren alten, zerrissenen Kleidern auf einem Holzofen, in dem „flackernde“ Holzscheite zu sehen sind. „Ich hör mein Herz schlagen, es pocht. Ich muss Sachen machen, die man nicht kann, oder Dinge tun, die man sich nicht traut“, klagt sie und verrät singend: „Manchmal wünsch ich wie im Märchen mir mehr Leben.“

Ganz still ist es geworden - die Kinder, die eben noch ungestüm vor der Bühne der Kirchheimer Stadthalle hin und her rannten, erweisen sich als gewissenhaft zuhörendes Publikum. Warum sich allerdings manche Erwachsene, trotz der vorherigen Bitte aus dem Off „das Essen und Trinken einzustellen“, nicht daran halten, mag verstehen wer will. Kein Kind verhungert oder verdurstet binnen zwei Stunden, und die achtlos zurückgelassenen Tetra-Paks unter den Stühlen haben gleichfalls keinen Vorbildcharakter.

Vorbildlich in Sachen Spielfreude und Unterhaltungswert bestätigt sich hingegen das mit launigen Texten in beschwingt-poppigen Melodien dargebotene Musical. Doch von vorne. Das fleißige Aschenputtel (Lena Conzendorf) hat es nicht leicht, wird von ihrer schrillen Stiefmutter (Carina Nopp) zu niedrigen Arbeiten verdonnert. Und anders als im Original entschuldigt sich diese am Ende doch tatsächlich für ihr gemeines Verhalten, bietet sogar an, zur Strafe selbst die Linsen zu sortieren. Genauso ungewöhnlich die emanzipierte Stiefschwester Greta (Elisa Maria Matzer), die bedeutend mehr Lust auf ein Studium, als auf den smarten Prinzen (Markus Peters) hat. Darüber hinaus bietet sie ihrer Mutter ganz schön Paroli und verhält sich gegenüber Aschenputtel sehr loyal.

Prinzessin Becherschmeiß

Quasi „Blitzverliebt“ zeigen sich dagegen der Prinz, der anfangs für einen Boten gehalten wird, sowie seine linsenauflesende Auserwählte. Weil ihm diese aus Versehen einen Becher Wasser in den Schoß kippt, neckt er sie fortan mit „Prinzessin Becherschmeiß“. Niedlich gespielt, das schüchterne Pflänzlein der Liebe und der erste Kuss, der aus dem Publikum mit einem kindlich-erfrischenden „bähhh“ kommentiert wird. Die Lacher der Erwachsenen folgen bei Fuß.

In puncto Gesichtsausdruck und Körpereinsatz gebührt dem „adligen“ Dennis Fischer die Krone. Ganz ohne Allüren reißt der König Witze, und die kommen bei den Jüngsten prima an. Wortwörtlich den „Vogel abgeschossen“ hat die Taube Elisabeth Kirch, die daneben als Fee, Magd und Diener zu sehen war. Alle Darsteller, von denen bis auf Aschenputtel alle eine Mehrfachrolle innehatten, transportieren ihre Spielfreude. Die Stimmfarben harmonieren ebenso perfekt wie die Mimik und Gestik in den Dialogen oder in den kleinen Tanzchoreografien.

Steckt in den Kostümen viel Liebe im Detail, zeigt sich das Bühnenbild eher minimalistisch, was aber keinesfalls von Nachteil ist - vielmehr clever gemacht. Die Spielstätte lässt sich mit wenigen Handgriffen in die ärmliche Küche oder den Ballsaal im Schloss verwandeln. Wie kaum jemand versteht es das Theater Liberi, ein klassisches Märchen so aufzupeppen, dass der Kern der Handlung noch immer erkennbar ist, aber der Staub der Jahrhunderte wie weggewischt scheint.

Theater Liberi zieht Kinder in den Bann

2008 in Bochum gegründet, haben die märchenhaften Familien-Produktionen von Theater Liberi in ganz Deutschland, Österreich und Luxemburg in über 3 000 Vorstellungen eine Million Besucher erreicht.

Produzent Lars Arend verzichtet bewusst auf ein festes Haus, möchte sein qualitätsvolles Theaterprogramm „direkt vor der Haustüre“ anbieten. Texte, Musik, Kostüme und Bühnenbilder werden von einem kleinen Team konzeptionell aufeinander abgestimmt.

Anzeige