Kirchheim

Der Umgang verroht

Gesellschaftsphänomen Polizeibeamte und Einsatzkräfte klagen immer häufiger und intensiver über Gewalt bei ihren Einsätzen. Beleidigungen gehören langsam zur Tagesordnung. Von Iris Häfner

Immer häufiger kommt es zu Gewalt gegen Polizeibeamte und Rettungskräfte. Auch die Feuerwehr ist betroffen. Foto: Markus Brändli
Immer häufiger kommt es zu Gewalt gegen Polizeibeamte und Rettungskräfte. Auch die Feuerwehr ist betroffen. Foto: Markus Brändli

Seit Jahren steigen die Fallzahlen bei der Gewalt gegen Polizeibeamte. Körperverletzungen, Beleidigungen und übelste Beschimpfungen beschränken sich nicht auf Einzelfälle. Immer öfter schlägt den Beamten auch in scheinbar harmlosen Situationen Respektlosigkeit, Widerstand oder gar offene Gewalt entgegen. Auch in Kirchheim hat sich die Situation weiter verschärft. Waren es 21 Fälle 2015, so stiegen sie im Jahr darauf schon auf 28 an, und 2017 ging es hoch auf 38. „Wir sind dennoch nicht in der Opferrolle“, stellt Fabian Mayer, Leiter des Kirchheimer Polizeireviers, unmissverständlich klar. Mit dem Umstand der gesellschaftlichen Verrohung wisse die Polizei umzugehen. „Das trifft uns nicht so unvorbereitet, wie etwa Feuerwehrleute oder sonstige Rettungskräfte, die meist ehrenamtlich Menschen helfen wollen und dann auch noch beschimpft und angepöbelt werden“, sagt Fabian Mayer.

Die Polizei hat sich bereits vor Jahren auf die zunehmende Gewalt eingestellt. Es gab Forschungsprojekte, und es wurden landesweite Konzepte erstellt. So wurde etwa die Ausrüstung auf den Prüfstand gestellt und optimiert, Body-Cams sind im Gespräch. Die Aus- und Fortbildung wurde optimiert. Mental werden die Beamten beim Training auf kritische Situationen vorbereitet, und durch regelmäßige Übung wächst die Handlungssicherheit. „Klar ist auch, dass wir Gewalt nicht hinnehmen. Entsprechendes Verhalten wird daher konsequent von uns verfolgt“, so der Revierleiter. Ein dickes Fell braucht jedoch mittlerweile jeder.

Der typische Randalierer ist männlich und zwischen 20 und 30 Jahre alt. Über zwei Drittel ist alkoholisiert oder steht unter Drogeneinfluss. Vermehrt wird aus der Gruppe heraus agiert. „Zwei bekommen wegen eines Mädchens Streit. Die Security wirft sie raus, und draußen vor der Tür hat jeder fünf Kumpels um sich. Die Situation droht zu eskalieren. Die Polizei wird gerufen. Doch kaum ist die Polizei da, verbünden sich alle gegen die Beamten. Gruppendynamik und Solidarisierungseffekte spielen dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle“, nennt Fabian Mayer eine beispielhafte Situation. „Klar ist auch, dass die Gruppendynamik Kräfte bindet. Während wir früher mit zwei Beamten die Situation entschärfen konnten, benötigen wir heute teilweise mehrere Streifen“, sagt Fabian Mayer. Kirchheim mit seiner hohen Kneipendichte hält die Beamten dabei regelmäßig auf Trab.

Derartige Situationen erlebt Polizeiobermeister Timo Haller regelmäßig: „Im Streifendienst wird man von der Bevölkerung unmittelbar als ,die Polizei‘ wahrgenommen. Dieser Wirkung muss sich jeder Beamte immer bewusst sein.“ Vor allem im digitalen Zeitalter, in dem Handy-Aufnahmen durch Beteiligte, manchmal aber auch durch unbeteiligte Dritte, an der Tagesordnung sind. Er stellt unmissverständlich klar: „Die Entscheidungen und Maßnahmen, die wir treffen, ziehen wir durch. Wir sind immer handlungsfähig.“ Timo Haller liebt seinen Beruf trotz der zunehmenden Gewalt. „Die Streife ist kurzweilig.

Neben der Aufnahme von Straftaten und Verkehrsunfällen sowie der Beseitigung von Ordnungsstörungen, helfen wir auch mal einer älteren Dame über die Straße“, sagt er. Umso mehr trifft ihn - und seinen Kollegen - das Phänomen der erhöhten Gewaltbereitschaft, die sich oftmals aus ganz alltäglichen Situationen heraus ergibt. Vergangenes Jahr mussten im Kirchheimer Revier mehrere Verletzungen verzeichnet werden, glücklicherweise nicht mit schwereren Folgen. Es gab unter anderem ein verdrehtes Knie, Schürfwunden sowie Bissspuren trotz Handschuhe. „Die Anzahl der Krankheitstage steigt stetig an“, muss Fabian Mayer allerdings registrieren. „Das Gewalt-Phänomen ist auch in Kirchheim spürbar - es ist aber nicht mit Großstädten vergleichbar.“ Die Beamten des Streifendienstes müssen eine hohe Einschreitkompetenz haben, beschreibt Fabian Mayer die Herausforderungen im polizeilichen Alltag. „Konkret ist damit gemeint, in konfliktträchtigen Situationen die Ruhe zu bewahren sowie unmittelbar die rechtlich richtigen und angemessenen Entscheidungen zu treffen.“

In Anbetracht dieser Herausforderung stellt sich die Frage: „Warum geht jemand zur Polizei?“ Die Beamten sind sich einig: Die Kollegen haben eine hochsoziale Einstellung. Dabei steht die Arbeit mit Menschen und der Wunsch, anderen zu helfen, im Mittelpunkt. Wie Timo Haller sind deshalb viele Polizisten auch in anderen Vereinen oder Hilfsorganisationen, wie zum Beispiel der Feuerwehr, ehrenamtlich aktiv.

Gewalt gegen einsatzkräfte, Polizei, Rettungsdienst, DRK, Angriff, Selbstschutz
Gewalt gegen einsatzkräfte, Polizei, Rettungsdienst, DRK, Angriff, Selbstschutz

Timo Haller und sein nächtliches Vorsilvester-Erlebnis

Ganz banal hat es kurz vor dem Silvestertag angefangen. Um 0.40 Uhr wurden irgendwo in Kirchheim mehrere Böller gezündet. Ein Nachbar fühlte sich gestört, rief über die 110-Notrufnummer bei der Polizei an und beschwerte sich. „Mit zwei Streifen fuhren wir zum Einsatzort“, sagt Timo Haller. Vor Ort trafen sie auf zwei deutlich alkoholisierte Männer, einer noch mit mehreren Böllern in der Hand. Als sein Streife-Partner die Personalien feststellen will, werden die beiden Männer sofort aggressiv. „Sie haben sich überhaupt nicht beruhigen lassen“, erzählt der Beamte. Die Identität zu klären, war nur durch das Trennen der beiden möglich. Einer war Jahrgang 1999, der andere 1976. „Wäre es dabei geblieben, hätten wir sie wegen einer Ordnungswidrigkeit angezeigt und wären nach einem belehrenden Gespräch gegangen. Aber dann ist deren Verhalten völlig aus dem Ruder gelaufen“, erzählt er.

Kampfbereit und mit erhobenen Händen ging der Ältere auf die Polizeibeamten los, weshalb er auf dem Boden fixiert werden musste. Selbst dort ließ er sich nicht beruhigen. Der Jüngere fühlte sich ungerecht behandelt und beleidigte die anwesenden Polizeibeamten. Als der Ältere zum Streifenwagen gebracht wurde, kam eine dritte Person dazu. Wie sich herausstellte, ein 15-jähriger Verwandter der beiden Personen. Während dessen Onkel im Streifenwagen war, wurde dem Jugendlichen ein Platzverweis erteilt, den dieser jedoch erst missachtete und in der Folge nur sehr widerwillig befolgte. „Wir haben es mit gutem Zureden versucht, aber auch er war hochgradig aggressiv und nicht zu beruhigen - auch nicht von den Kolleginnen, die oft eine Situation kommunikativ entspannen können“, sagt Timo Haller. „Irgendwann ging er aber weg. Wir wollten schon den Onkel zum Ausnüchtern - und um die Situation zu beruhigen - ins Revier bringen, als er nochmals zurückkam und die im Fahrzeug befindlichen Beamten lautstark beleidigte“, erzählt der Polizist.

Unter enormer Gegenwehr, selbst das Androhen des Pfeffersprays zeigte keine Verhaltensänderung, wurde der 15-Jährige fixiert. Dadurch musste ein weiterer Streifenwagen hinzugezogen werden, damit die Unruhestifter in unterschiedlichen Fahrzeugen untergebracht werden konnten. „Beim Einsteigen in das Fahrzeug spuckte der 15-Jährige in meine Richtung und traf mich am Hinterkopf“, so der Beamte. Aufgrund einer aufgeschrammten Nase, die er sich bei der Fixierung zugezogen hatte, sollte er in der Klinik ärztlich versorgt werden. „Der Arzt konnte diese Behandlung jedoch wegen des aggressiven Verhaltens des Jugendlichen nicht durchführen.“ Selbst im Revier, zu dem er anschließend gebracht wurde, ging es gerade so weiter. In der Sicherheitsschleuse trat er gegen die Scheibe und spuckte dagegen. Gegen 3.10 Uhr wurde der Unruhestifter seinen Eltern übergeben. Die beiden „Böllerwerfer“ mussten nach einer richterlichen Anordnung die Nacht im Polizeirevier verbringen. Nun müssen alle drei mit einer Strafanzeige rechnen.

Ein Herz für Putzfrauen hat Timo Haller trotz der unschönen Szenen bewiesen: Er hat die Sicherheitsscheiben noch in der Nacht gereinigt. ih

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