Kirchheim

Der „Ungeist der Vergangenheit“ ließ Bücher brennen

Gedenklesung des Kirchheimer Literaturbeirats erinnert an den Tag der vielen Scheiterhaufen im Mai 1933

Harald Vogel und Johannes Weigle (am Klavier) erinnerten in der Kirchheimer Stadtbücherei an den Jahrestag der nationalsozialist
Harald Vogel und Johannes Weigle (am Klavier) erinnerten in der Kirchheimer Stadtbücherei an den Jahrestag der nationalsozialistischen Bücherverbrennungen von 1933.Foto: Carsten Riedl

Kirchheim. „Den Ungeist der Vergangenheit den Flammen anzuvertrauen“: Das war – im Wortlaut des Propagandaministers Joseph Goebbels – die „Idee“, die im Mai 1933

Andreas Volz

hinter den Bücherverbrennungen in deutschen Universitätsstädten stand. Im Rückblick hat Erich Kästner die vielen Verbindungen zwischen dem Nationalsozialismus und dem Feuer folgendermaßen zusammengefasst: „Es begann mit Fackelzügen und endete mit Feuerbestattung.“

Ein wichtiges Verdienst des Kirchheimer Literaturbeirats ist es seit vielen Jahren, an den barbarischen Akt vom Mai 1933 mit Gedenkveranstaltungen zu erinnern, dieses Mal mit dem Esslinger „Lyrik-Bühne-Duo“. Professor Dr. Harald Vogel hatte eine ganze Fülle von Texten ausgesucht, die er in der Stadtbücherei vortrug, musikalisch begleitet von Johannes Weigle. Unter anderem las er die oben zitierten Passagen von Goebbels und Kästner vor – und trug somit dazu bei, dass die Worte des einstigen Propagandaministers in ihr Gegenteil verkehrt wurden: Der „Ungeist der Vergangenheit“ ist mittlerweile der Ungeist des Nationalsozialismus. Es geht darum, regelmäßig an diesen Ungeist zu erinnern, damit er eben nicht vergessen ist, sollte sich seine Wiederkehr ernsthaft anbahnen wollen.

Völlig frei von Traditionen war die „Aktion wider den undeutschen Geist“ freilich nicht. Darauf verwies Harald Vogel immer wieder. So gab es den Bezug zur Bücherverbrennung beim Wartburgfest 1817 – damals schon als „Reinigungsaktion“ bedeckmantelt. Auch dieses Fest hatte seinen eigenen Bezug: zu Martin Luther und dem „Thesenanschlag“ von 1517. Luther selbst war es, der 1520 die Bannandrohungsbulle von Papst Leo X. feierlich verbrannt hatte.

Nicht zuletzt war der Bücherverbrennung 1933 bereits im April eine Aktion vorausgegangen, die direkt auf Luther anspielte: An den Universitäten wurden zwölf Thesen „wider den undeutschen Geist“ angeschlagen, wobei sich die Nationalsozialisten aller Tricks und Kniffe bedienten, um ihr Gedankengut möglichst emotional unters Volk bringen zu können. So stellte Harald Vogel fest: „Die nationalsozialistische Rhetorik hat die Rhetorik der Bibel voll ausgeschöpft.“

Emotionen wurden auch sonst angesprochen: indem etwa zwischen „deutsch“ und „undeutsch“ unterschieden wurde, zwischen hochgelobter deutscher „Kultur“ und verachteter jüdischer „Zivilisation“. Eines aber hatte mit Emotionen überhaupt nichts zu tun: Die Bücherverbrennungen waren langfristig vorbereitet worden. Sie geschahen nicht im Affekt. „Der Aktion fehlte jedes spontane Element“, sagte denn auch Harald Vogel. Das deckt sich mit der späteren Reichspogromnacht vom November 1938. Auch sie sollte als Aufwallung spontanen Volkszorns gelten – obwohl diese „Aufwallung“ sorgfältig inszeniert worden war.

Harald Vogel stellte Texte von Autoren vor, deren Werke verbrannt wurden. Besonders eindrücklich war der Text von Oskar Maria Graf, der forderte, auch seine Werke zu verbrennen: „Nach meinem ganzen Leben und nach meinem ganzen Schreiben habe ich das Recht, zu verlangen, daß meine Bücher der reinen Flamme des Scheiterhaufens überantwortet werden und nicht in die blutigen Hände und die verdorbenen Hirne der braunen Mordbanden gelangen!“ Ganz ähnlich reagierte der Maler Ernst Ludwig Kirchner, an den Harald Vogel ebenfalls erinnerte. Im Februar 1938 hatte er geschrieben: „Ich bin durch die deutschen Ereignisse tief erschüttert, und doch bin ich stolz darauf, daß die braunen Bilderstürmer auch meine Werke verfolgen und vernichten. Ich würde es als Schmach empfinden, von ihnen geduldet zu werden.“

So schlug die Lesung einen Bogen, der weit über die eigentliche Bücherverbrennung hinausreichte. Auch Nachkriegsautoren und heutige deutsche Autoren mit Migrationshintergrund waren einbezogen – um an die Erfahrungen von Exil, Heimatverlust und damit verbundene Ängste zu erinnern. Besonders beängstigend war oftmals Johannes Weigles Begleitmusik, wenn sie den militaristischen Ungeist von damals aufleben ließ und ihrerseits mit Emotionen spielte – vor allem mit der unschuldig daherkommenden Kinderliedbegleitung zu einem Gedicht aus dem Schulbuch „Der kleine Patriot“. Dieser Text zeigte an, was die Machthaber an die Stelle der von ihnen verachteten „undeutschen“ Literatur setzen wollten. Das Gedicht endet mit den deutlichen Worten: „Ein Herr soll jeder Deutsche sein, und jeder Feind sein Knecht.“

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