Kirchheim

Deutsch-afrikanischer Brückenschlag

Das Hope Theatre Nairobi gastiert in der Eduard-Mörike-Schule in Ötlingen

Kirchheim. Das Flüchtlingsthema beschäftigt jeden. Jeder erfährt da­rüber aus der Presse und hat die Bilder aus dem Fernsehen vor Augen.

Vor Augen hat jeder aber auch die Flüchtlinge in der eigenen Stadt oder dem Dorf, wie sie auf ihren Fahrrädern herumfahren oder wie sie sich mit ihren Handys beschäftigen. Sie bleiben fremd. Eine persönliche Begegnung mit Betroffenen, wie sie in der Festhalle der Ötlinger Eduard-Mörike-Schule geschah, ist wesentlich tiefgehender.

Zu Gast war das Hope Theatre Nairobi. Organisiert wurde diese Veranstaltung vom Brückenhaus Kirchheim durch die Sozialarbeiterin Ingrid Reik. „Brücke“, das ist ein passendes Stichwort, denn der „Aufbau einer Deutsch-Afrikanischen Kulturbrücke“ ist ein erklärtes Ziel des Gründers des Hope Theatres Nairobi, Stephan Bruckmeier. Der gebürtige Wiener, der seit Jahren als Schauspieler, Regisseur und Bühnenbildner die Stuttgarter Theaterszene belebt, begann 2009 mit dem Aufbau einer Theaterszene in Nairobi. Mittlerweile ist es schon die vierte Produktion, mit der er auf Tour geht, gesponsert von einer imponierenden Latte von Institutionen. In Ötlingen war „Auf der Flucht“ zu sehen.

Bruckmeier stellt in einem Anfangssolo einiges klar. Er schlüpft in die Rolle des Johann Georg Rapp, den es wirklich gab, der in dem Hungerjahr 1816 mit über 900 Leidensgenossen aus Württemberg in die USA auswanderte. Dort hat er ein Wirtschaftsunternehmen aufgebaut, von dem später nicht nur die USA profitierte. Also: Wenn Deutsche wegen der Hungersnot ihr Land verlassen, dann sind es „Auswanderer“, keine Flüchtlinge. Warum? Der Hunger ist also auch heute noch ein legitimer Fluchtgrund, nicht nur der Krieg. Weiterhin: Flüchtlinge haben oft zum Wohlstand des Landes, das sie aufgenommen hat, beigetragen.

In der Form einer Collage folgt nun ein bunter Reigen von Erzählungen, Szenen, Tänzen und Gesang, verbunden durch Bruckmeiers Moderation. Leider konnte die Gruppe der Eritreer nicht auftreten, da sie ausgerechnet zu einer Deutschprüfung antreten musste. Die gewichtigen Erzählungen werden in afrikanischem Englisch vorgetragen, oft in Dialogen. Englischkenntnisse sind für das Publikum nun sehr nützlich. Angeprangert werden der gnadenlose Hunger, die Krankheiten und Todesgefahren. Bruckmeier lässt unter Beteiligung des Publikums Szenen spielen über wirtschaftliche Ausbeutung am Beispiel des Kaffees und über ungerechte Rechtsprechung am Beispiel des sexuellen Missbrauchs. Außerdem wird von der Tourmanagerin ein längerer Text mit seinem Credo vortragen: Die Wohlstands- und Glücksinsel Deutschland kann nicht so tun, als gäbe es die Not in der Welt nicht. Den Schlusspunkt bildete eine „Kabinettsitzung“ der Bundeskanzlerin, in der ihre Entscheidungsnot deutlich wird.

Das hört sich alles sehr beklemmend nach drögem politischen Theater an, ist aber im Gegenteil durchaus hinreichend unterhaltsam und vergnüglich. Freiwillige aus dem Publikum durften eine Einführung in afrikanische Tanzkunst mitmachen. Der mitreißende Rhythmus der Perkussionsinstrumente, der Gesang und die Bewegungsbegabung der zwei Frauen und der drei Männer aus Nairobi taten ihre Wirkung. Noch effektvoller wäre das Bühnengeschehen gewesen bei einer angemessenen Ausleuchtung. Doch dazu fehlt in einer Mehrzweckhalle die Ausstattung.

Insgesamt war das Anliegen, beim Publikum Mitgefühl für die Flüchtlinge hervorzurufen, erfolgreich, zumal das Publikum in seiner Zusammensetzung dafür sehr zugänglich war. Der Rektor der Eduard-Mörike-Schule, Friedemann Korn, konnte einen weiteren pädagogischen Erfolg vermelden: Am Vormittag hatten 240 Schüler bei einem Workshop mit der Truppe aus Nairobi die Gelegenheit, einen Einblick in die afrikanische Kultur zu gewinnen.

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