Kirchheim

Die Alternative heißt Gas oder Biomasse

Energiewende Wie geht es im Kraftwerk in Altbach nach dem Kohleausstieg weiter? Eine Frage, die Politiker und Kommunen gleichermaßen interessiert. Von Bernd Köble

Der gewaltige Steinkohlemeiler des Energieversorgers EnBW prägt das Bild an Neckar und Bundes­straße 10 zwischen Plochingen und
Der gewaltige Steinkohlemeiler des Energieversorgers EnBW prägt das Bild an Neckar und Bundes­straße 10 zwischen Plochingen und Esslingen.Fotos: Markus Brändli

Dass Stromkonzernen durch die Energiewende ein rauer Wind entgegenbläst, ist nicht nur eine nette Metapher. Es kann umgekehrt auch zeigen, was passiert, wenn es einmal nicht so ist. Die um zehn Prozent geringeren Erlöse im Bereich erneuerbare Energien, die EnBW-Vorstandschef Frank Mastiaux am Donnerstag verkünden musste, sind dem zurückliegenden Jahrhundertsommer geschuldet. Weniger Wind, weniger Wasser, weniger in der Kasse. Trotzdem gibt es für den Versorgungsriesen kein Zurück. Der Atomausstieg bis 2022 ist längst beschlossen, Kohle soll bis spätestens 2038 folgen.

Grund für diejenigen, die den Wandel am hartnäckigsten vorantreiben, nachzufragen, was danach kommt. Grünen-Politikern wie Andrea Lindlohr, Matthias Gastel und Andreas Schwarz kann es mit dem Ausstieg aus der klimaschädlichen Kohleverbrennung nicht schnell genug gehen. Gastel macht keinen Hehl daraus, dass man mit der Empfehlung der Kohlekommission wenig glücklich ist. „Wir hätten uns einen früheren Ausstieg gewünscht“, betonte der Bundespolitiker bei der gestrigen Visite im Kraftwerk Altbach. Sein Kirchheimer Parteikollege Andreas Schwarz, Fraktionschef im Landtag, beschwört das Dreigestirn aus Versorgungssicherheit, Klimaschutz und Bezahlbarkeit als grüne Maxime und findet Lob für ein Unternehmen, das im Atomstreit vor Jahren noch als ideologischer Erzfeind galt. „Wir sehen die EnBW auf die Zukunft gut vorbereitet“, sagt Schwarz.

Beim Thema Versorgungssicherheit spielt das Kraftwerk am Neckar eine wichtige Rolle. So wichtig wie es seine 250 Meter hohen Schornsteine - die höchsten Bauwerke im ganzen Land - weithin sichtbar symbolisieren. Hier regiert die Steinkohle als Energieträger. 180 000 Tonnen davon können zwischen den Kraftwerksblöcken lagern. Das meiste kommt mit der Bahn aus Abbaugebieten in Osteuropa oder Nordamerika. Nur zehn Prozent werden mit dem Schiff angeliefert, weil 27 Neckarschleusen den Weg übers Wasser erschweren.

Auf der 80 Meter hohen Aussichtsplattform von Block 2 reicht der Blick nicht nur weit ins Land. Ein Richtungspfeil weist dort symbolisch den Weg in die Zukunft: 700 Kilometer Luftlinie sind es von hier bis zu „Baltic II“, dem größten von zwei Offshorewindparks, den die EnBW in der Ostsee betreibt. Der Wandel schreitet voran. In Brandenburg plant das Unternehmen zurzeit den mächtigsten deutschen Solarpark - erstmals ohne staatliche Fördergelder. Neun Kohlekraftwerke hat der Energieversorger inzwischen stillgelegt. Wann es in Altbach mit der Verbrennung vorbei sein wird, weiß zur Stunde niemand. Die Anlage ist nach dem Meiler in Karlsruhe die zweitmodernste im Land. Beide Standorte werden sich daher vermutlich als Letzte aus dem Kohlezeitalter verabschieden. Dennoch ist auch am Neckar der Strukturwandel seit knapp einem Jahrzehnt im Gang. Dr. Georg-Nikolaus Stamatelopoulos, Betriebsleiter im Kraftwerk in Altbach, rechnet in den kommenden sieben Jahren mit einem massiven Ausbau der Gasversorgung. „Wir haben im Moment nicht die Infrastruktur, die wir bräuchten, um Kohle vollständig zu ersetzen“, sagt er. In Altbach werden im neuen Block 2, der 1995 in Betrieb ging, schon jetzt zwei Gasturbinen betrieben.

Gasbetrieb wird teurer

Die Umstellung auf Gas oder Biomasse ist für das Kraftwerk am Neckar die Option für die Zukunft. Eine Zukunft, in der Altbach seine Rolle als „Netzreserve“ wohl noch länger spielen wird, auch wenn der aktuelle Fahrplan nur bis Mitte 2021 reicht. Um nachwachsende Rohstoffe als Pellets verbrennen zu können, wären Investitionskosten im „niedrigen dreistelligen Millionenbereich“ nötig, rechnet Stamatelopoulos vor. 800 000 Tonnen davon pro Jahr wären nötig. Ein Drittel müsste aus zertifiziertem Bestand - in der Regel aus Nordamerika - importiert werden. Eine Umrüstung auf Gasbetrieb käme den Konzern deutlich teurer, wäre aufgrund der Infrastruktur für den Standort aber ideal, wie der Werkschef betont. Dass es in Altbach auch nach dem Kohleausstieg weitergehen wird, davon ist er jedenfalls überzeugt: „Würden wir den Standort nicht beibehalten und energietechnisch ersetzen, wäre das ein Fehler.“

Der gewaltige Kohlemeiler, der das Bild im Neckartal seit Jahrzehnten prägt, liegt genau an der Markungsgrenze der Gemeinden Altbach und Deizisau. Für die Verwaltungschefs beider Kommunen ein entscheidender Wirtschaftsfaktor. Er vertraue auf partnerschaftliche Kommunikation, betonte Deizisaus Bürgermeister Thomas Matrohs, der mit seinem Altbacher Kollegen Martin Funk gestern beim Vorort-Termin dabei war. „Für uns Kommunen ist es wichtig, zu wissen, wie es mit dem Standort weitergeht.“

Strom für 330 000 Haushalte

Das Heizkraftwerk Altbach/Deizisau kann bei voller Auslastung mehr als 1 000 Megawatt Strom aus Steinkohle erzeugen. Das reicht für die Versorgung von rund 300 000 Haushalten in der Region. Mittels Kraft-Wärme-Kopplung entsteht sowohl Strom, als auch Fernwärme, die von Industriebetrieben und Privathaushalten genutzt wird. Bis zu 280 Megawatt können ins Fernwärmenetz eingespeist werden, an das auch das erdgasbetriebene Kraftwerk Stuttgart-Gaisburg und das Müllheizkraftwerk in Stuttgart-Münster angeschlossen sind.

Auf dem Gelände in Altbach lagern bis zu 120 000 Tonnen Steinkohle, 60 000 weitere Tonnen dienen als ständige Reserve. Das Kraftwerk verfügt über eine eigene Schienenverbindung und eine Anlegestelle für Frachtschiffe mit Verladestation. 90 Prozent der Kohle kommen mit der Bahn.

Die Rauchgasreinigung erfasst 99,8 Prozent der Rückstände, die bei der Verbrennung entstehen. Die gereinigten Feststoffe werden als Gips oder Betonmaterial von der Bauindustrie verwendet.

Erbaut wurde das Kraftwerk bereits 1899 als reines Wasserkraftwerk, das über den neu erbauten Neckarkanal gespeist wurde. Heute wird der Kanal nur noch als Quelle für Kühlwasser benötigt.bk

Anzeige