Kirchheim

„Die Anfragen überschwemmen uns“

Corona Die ehemalige Kirchheimerin Sigrid Klemm sorgt dafür, dass Krankenhäuser, Pflegeheime und Unternehmen Desinfektionsmittel bekommen. Von Anke Kirsammer

Kirchheimerin versorgt Krankenhäuser mit Desinfektion
Seitdem die CHT die Genehmigung für die Produktion von Desinfektionsmitteln bekommen hat, laufen bei Sigrid Klemm im Home-Office die Telefondrähte heiß. Foto: pr

Coronakrise - das bedeutet für die einen völligen Stillstand, andere rotieren fast bis zum Umfallen. Zu Letzteren gehört Sigrid Klemm. Seit sechs Wochen ist eine 50-Stunden-Woche für sie die Norm. Die einstige Kirchheimerin arbeitet beim Speziali­täten­che­mie­unter­neh­men CHT in Tübingen. „So einen Ansturm habe ich noch nie erlebt“, sagt sie. Mitte März bekam die Firma, die normalerweise Unternehmen der Textil-, Kosmetik-, Leder-, Agrar- und der Baubranche beliefert, die Genehmigung, Händedesinfektionsmittel herzustellen. Im April folgte das Okay für Flächendesinfektionsmittel. Seitdem läuft bei der 51-Jährigen das Telefon heiß.

Händeringend hatten Apotheken, Ärzte und Pflegeheime nach dem Ausbruch des Coronavirus nach Lieferanten Ausschau gehalten. Das Tübinger Unternehmen erkannte die Lücke rasch und leis­tet nun seinerseits seinen Beitrag zur Eindämmung des Virus. „Wir wurden überschwemmt mit Anfragen“, sagt Sigrid Klemm. „Werbung war überhaupt nicht nötig.“ Ein Beitrag in der Abendschau des SWR hatte ausgereicht, um die neue Quelle für Desinfektionsmittel publik zu machen. Die frühere Handballerin des VfL Kirchheim zieht den Vergleich zum Sport: „Von dem Moment, als wir die Genehmigung hatten, sind wir los gesprintet und haben die Produktion von null auf 100 hochgefahren.“

Für die BWLerin und ihre Kollegen ging es auf allen Kanälen rund. Neben dem Tagesgeschäft mussten bis zu 200 Bestellungen zusätzlich abgearbeitet werden. „Im Büro gingen Anrufe und E-Mails ohne Ende ein. Das musste ich alles kanalisieren und die Manpower organisieren, um entsprechende Kundenstämme und Aufträge im SAP-System anzulegen.“ Telefonieren, Anfragen schriftlich beantworten, Informationen an die Landratsämter und andere Institutionen rausschicken, Prioritäten vergeben. All das gehört zu den Aufgaben der Rottenburgerin, die bei der CHT als Teamleiterin Kunden in ganz Nord- und Süd­amerika sowie Südeuropa betreut.

Gefragt sind Improvisationstalent und enorme Flexibilität: Denn während sonst im Unternehmen die Abläufe akribisch vorbereitet werden, um ein neues Produkt auf den Markt zu bringen, lief beim Vertrieb der Desinfektionsmittel anfangs alles gleichzeitig. Großes Thema ist aus rechtlichen Gründen die Produktsicherheit. Wie sieht das Sicherheitsdatenblatt aus, an wen wollen wir liefern? Diese Fragen mussten wie viele andere beantwortet werden. Prio eins bekamen regionale Krankenhäuser, andere medizinische Einrichtungen, Pflegeheime und der Katastrophenschutz.

Während der Verkauf schon ins Laufen kam, galt es zu überlegen, welche Größen die Flaschen und Kanister haben sollen. „Unsere Gebinde fassen normalerweise 120 beziehungsweise 1000 Liter. Jetzt braucht es Gefäße in riesigen Mengen, die wir sonst nur als Mustergebinde haben.“ Zehn Tonnen Desinfektionsmittel verlassen pro Woche das Werk in Dußlingen. Für ein reibungsloses Verschicken und Verpacken sind Absprachen mit dem Leiter der Logistikabteilung nötig, für die Kommunikation nach außen sitzt ein Mitarbeiter der Marketingabteilung mit im Boot. Tägliche Videokonferenzen mit dem Projektteam sorgen dafür, dass ein Rad ins andere greift. Als Vorsichtsmaßnahme arbeiten fast alle Beteiligte im Home-Office. „Anfangs dachte ich, das mache ich zwei Wochen, und dann gehe ich wieder ins Büro“, sagt Sigrid Klemm, die in der zweiten Märzwoche noch am Arlberg Skifahren war und deshalb für 14 Tage vorsorglich in Quarantäne musste. Doch seitdem dient ihr der heimische Esstisch als Arbeitsplatz.

Mittlerweile ist die erste Welle abgeebbt. „Man merkt, dass es zwischenzeitlich genügend Quellen für Desinfektionsmittel gibt“, so die Einschätzung. Wurden bislang nur Anfragen aus Deutschland bedient, prüft die CHT nun, ob sie auch das europäische Ausland beliefern kann. „Da gibt es strenge Gesetze“, erläutert Sigrid Klemm. Weil viele Firmen die Hygienestandards hochfahren, kommen vermehrt Bestellungen aus der Industrie für das Desinfektionsmittel, dessen Etikett international und schwäbisch daherkommt: „Stay healthy. Bleibed gsond!“

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