Kirchheim

Die Angst vorm Brennpunkt

Gerüchtecheck: Sinkt der Immobilienwert, wenn Flüchtlingsunterkünfte in der Nähe sind?

Sobald eine neue Flüchtlingsunterkunft gebaut wird, regt sich im Umfeld Widerstand. Die Angst ums Häusle und das eigene Geld bringen Menschen auf die Barrikaden: Je mehr Heime es in der Nähe gibt, desto weniger sei das Eigentum noch wert. Tatsächlich ist die Rechnung nicht so einfach.

Wohnraum ist in Kirchheim dringend gefragt: Das Paradiesle gehört zu den Vierteln, in denen der Quadratmeterpreis am meisten ste
Wohnraum ist in Kirchheim dringend gefragt: Das Paradiesle gehört zu den Vierteln, in denen der Quadratmeterpreis am meisten steigt.Foto: Carsten Riedl

Kirchheim. Gregor Küstermann redet nicht gern um den heißen Brei herum. Als Immobilienmakler und Zweiter Vorsitzender der Eigentümergemeinschaft Haus und Grund ist der Häuserverkauf sein tägliches Geschäft: „Praktisch haben Flüchtlingsunterkünfte einen Einfluss auf den Immobilienwert.“ Bei Einfamilienhäusern sei es schwierig, sie in solcher Lage zu vermitteln. „Mir sind schon ein paar Mal Familien abgesprungen, weil sie nicht in die Nachbarschaft einer Flüchtlingsunterkunft ziehen wollten“, erzählt der Experte. Solche Faktoren wirken sich bedingt auch auf den Kaufpreis aus. Ganz so einfach hat sich das Thema aber nicht erledigt.

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Küstermann nennt ein Beispiel aus der Vergangenheit. Vor ein paar Jahren hatte die Stadtverwaltung in Kirchheim ein Gebäude gekauft, um dort Sozialwohnungen zu schaffen. Der Aufschrei war groß. Man wolle keine „Penner“ in seiner Nachbarschaft haben. „Genauso wenig will jemand neben einem Bordell wohnen, oder einer lauten Kneipe.“ Der Grund dafür könne irgendein negatives Merkmal sein. „Es geht nicht speziell um Flüchtlingswohnheime“, erklärt Makler.

Trotzdem sind es im Moment gerade diese, die für Aufregung sorgen, Emotionen wecken und teilweise eben auch Familien davon abhalten, Häuser zu kaufen – aber wieso eigentlich? Gregor Küstermann hat viele Gespräche mit Kunden geführt. Besonders die Angst vor steigender Kriminalität oder einem anderen Frauenbild würden unter Interessanten für ein schlechtes Bauchgefühl beim Kauf sorgen. „Ob sich Sozialwohnungen oder Flüchtlingsheime am Ende wirklich schlecht auf das Wohnen auswirken, weiß im Vorhi­nein ja niemand“, erklärt er. Sein Kollege Jochen Sommerer teilt diese Erfahrungen. Solche Ängste seien kein Einzelfall und sie ziehen sich quer durch die Gesellschaft: „Auch Menschen, die Flüchtlingen gegenüber eigentlich positiv eingestellt sind, nehmen Abstand vom Kauf, wenn es um ihr eigenes Haus geht.“

Dass Immobilien in Flüchtlingsheimnähe dabei auf lange Sicht an Wert verlieren, ist abwegig. Die Bevölkerung wächst ständig. In zehn Jahren werden in Kirchheim laut Statistischem Landesamt fast 1 000 Menschen mehr leben, und Wohnraum wird dringend gebraucht. Tatsächlich steigt der Quadratmeterpreis in der Stadt stark – unabhängig vom Standort. Und das schon seit Jahren. Im Kirchheimer Paradiesle zum Beispiel, das an die 240 Mann starke Flüchtlingsunterkunft in der Charlottenstraße grenzt, sind die durchschnittlichen Bodenrichtwerte innerhalb von zwei Jahren von 410 auf 470 Euro bei der letzten Feststellung 2015 geklettert.

Weder Gregor Küstermann noch Jochen Sommerer können sich an einen Fall erinnern, in dem sie ein Haus nicht losgeworden sind, weil ein Asylbewerberheim in der Nähe war. Der Bedarf ist schlichtweg zu groß, die Gegend um Kirchheim als Wohnort viel zu attraktiv. Zudem spricht die Theorie eine andere Sprache: Der Wert einer Immobilie wird zunächst am Haus an sich bemessen, unabhängig von seinem Umfeld: „Solange es den Käufer also nicht stört, ändert auch ein Flüchtlingsheim in der Umgebung nichts am Preis“, erklärt Gregor Küstermann.

Problematisch ist laut Jochen Sommerer aber, dass Flüchtlingsheime inzwischen nicht selten als Druckmittel von Interessenten benutzt werden, um den Kaufpreis zu drücken. Ob sich solche Spiele auch in Zukunft durchsetzen, hänge letztlich davon ab, ob sich die aktuellen Vorurteile auf Dauer bestätigen und die Ängste auf nahrhaften Boden stoßen. „Tun sie‘s nicht, ist das alles kein Thema mehr“, sagt Sommerer.

Immobilienmarkt in Kirchheim: Die Quadratmeterpreise steigen

Die aktuelle Lage: Der Bedarf an Wohnraum in Kirchheim ist ungebrochen: Vor allem die Einkaufsmöglichkeiten und gute Verkehrsanbindungen durch Autobahn und den S-Bahn-Anschluss machen die Stadt attraktiv. Das spiegelt sich auch in den aktuellen Bodenrichtwerten wider. Diese Werte zeigen den Preis pro Quadratmeter für Wohnflächen und werden in Kirchheim alle zwei Jahre festgestellt. Besonders teuer ist es laut der aktuellen Feststellung von 2015 auf dem Würstlesberg und im Münzen. Günstiger kommen Käufer in den Kirchheimer Teilorten Lindorf, Nabern und Jesingen weg (siehe Grafik). Die Entwicklung: Im Vergleich zu 2013 haben ausnahmslos alle Viertel an Wert gewonnen – etwa 50 Euro mehr kostet der Boden in Kirchheim pro Quadratmeter zwei Jahre später. Mit 80 Euro Zuschlag, also 22 Prozent mehr, sind der Laubersberg und der Schafhof die Spitzenreiter bei der Preisentwicklung. Lediglich 20 Euro mehr pro Quadratmeter müssen Käufer im Jesinger Ortskern hinblättern. Dort ist allerdings auch Gewerbe ansässig. Der Landkreis Esslingen: Eine Studie der Postbank bescheinigt dem gesamten Landkreis Esslingen 2015 ein „sehr hohes“ Wertsteigerungspotenzial bis zum Jahr 2030. Damit gehört der Kreis laut Postbank zu den 23 Prozent der Landkreise in Deutschland, in denen sich ein Immobilienkauf langfristig am meisten lohnt. mona