Kirchheim

Die Erdbeerernte fällt ins Wasser

Auf den Spargel- und Erdbeerfeldern rund um die Teck herrscht „Land unter“

Prall gefüllte Regale voller süßer Erdbeeren und knackigem Spargel, das gehört zum Juni. Doch in diesem Jahr ist alles anders.

Die Erdbeerernte läuft während sonnigen Tage auf vollen Touren (Bild oben). Momentan ist daran jedoch nicht zu denken: Die Felde
Die Erdbeerernte läuft während sonnigen Tage auf vollen Touren (Bild oben). Momentan ist daran jedoch nicht zu denken: Die Felder stehen unter Wasser (Bilder unten).Fotos: Thomas Krytzner

Kirchheim. Wer kennt das nicht: Die Freude auf den leckeren Erdbeerquark verfliegt schlagartig, denn in der Schale liegen fast nur noch matschige Früchte. Welch eine Enttäuschung! Da ist auch der Sonderpreis nur ein schwacher Trost. Unmengen an Regen haben dieses Jahr großen Schaden angerichtet. Die Kunden ärgern sich, weil die Früchte nicht wie sonst drei bis vier Tage halten. Was viele nicht mitbekommen, ist der Zustand der Erdbeer- und Spargelfelder: Dort herrscht zum großen Teil Land unter. An eine ertragreiche Ernte ist rund um die Teck zurzeit nicht zu denken.

Jürgen Till, Marktleiter vom Edeka-Markt in Ötlingen, seufzt: „Die Mengen an Erdbeeren, die unsere Kunden verlangen, kommen einfach nicht zusammen. Wir prüfen die Früchte derzeit besonders gründlich.“ Beim Spargel hat sich Till für einen Zulieferer aus der Pfalz entschieden. Es kommt zwar sehr viel hohler Spargel, dennoch gibt es auch eine große Menge in guter Qualität.

In der Mühle in Jesingen beklagt Claudia Sting die auffallend kurze Haltbarkeit der Erdbeeren in diesem Jahr. Bei der Qualität der empfindlichen Früchte sind sechs von zehn Exemplaren maximal zweite Qualität. „Der Grünspargel ist schon aus und vom normalen Spargel sind auch nicht mehr alle Sorten verfügbar.“ Es gibt zwar Auswahl, aber eben nicht in der gewohnten Menge.

Für die Erdbeer- und Spargelanbauer in der Region um Kirchheim bedeutet die Regenmenge der letzten Tage eine Katastrophe: Der Boden kann kein Wasser mehr aufnehmen und die Erdbeer- und Spargelfelder sind überflutet. Die Ernte ist kaum oder nur unter erschwerten Bedingungen möglich. Viele pumpen das Wasser aus den Feldern ab. Doch sobald es wieder regnet, stehen die Pflanzen erneut tief im Wasser.

Guido Henzler vom Rammerthof in Nürtingen blickt in die Vergangenheit: „Seit 28 Jahren bin ich im Betrieb. Bis heute habe ich noch nie so konzentrierte Regenfälle erlebt.“ Vor allem, dass der Regen nicht aufhören will, lässt ihn verzweifeln. In den ganzen Feldern steht das Wasser bald knietief. Die Pflanzen, und vor allem die Früchte vertragen so viel Flüssigkeit nicht. „Die Früchte platzen auf“, stöhnt Guido Henzler, „der Geschmack leidet, weil die Erdbeeren Wasser ziehen.“ Die Folge sind beschädigte, faulige und wässrige Früchte.

Für die Pflücker bedeuten die Wassermengen doppelten Aufwand. Gunther Henzler, der sich im gleichnamigen Betrieb um die Vermarktung kümmert, zieht traurig Bilanz: „Die Pflücker müssen nun zweimal ins Feld. Bei der ersten Ernte werden die schlechten Früchte entfernt und bei der zweiten Ernte kommt dann der gute Rest dran.“ Dabei wird jede Erdbeere einzeln und per Hand auf Qualität geprüft. Dazu kommt, dass zwei Mitarbeiter ausschließlich damit beschäftigt sind, seit vier Wochen das Wasser aus den Feldern abzusaugen – bei unaufhörlichem Regen eine wahre Sisyphusarbeit.

„Normalerweise sind wir gut aufgestellt. Durch die verschiedenen Gemarkungen in Raidwangen, Neckarhausen, Köngen, Denkendorf und Sankt Johann können wir eine Missernte verkraften und auffangen. Aber bei bis jetzt mehr als 225 Litern Regen auf den Quadratmeter wird‘s sehr schwierig.“ Bei der aktuellen Wetterlage rechnet Gunther Henzler mit einem Ausfall von knapp über 30 Prozent. Und das ist noch optimistisch gerechnet, denn es darf dann nicht noch mehr regnen. Ein Feld in Köngen erlitt Totalschaden.

Der Wasserschaden vermiest den Spargelbauern nachhaltig die Laune, nicht nur in diesem Jahr. Bei dem beliebten Gemüse wirkt sich nämlich die anhaltende Nässe auch auf die Folgejahre aus. Es dauert beim Neuanbau zwei Jahre, bis die erste Ernte möglich ist. Für rund zehn Jahre bleiben die Pflanzen auf dem gleichen Acker. Jetzt zerstört die riesige Wassermenge viele Pflanzen. Damit ist der Ernteausfall im nächsten Jahr schon vorprogrammiert. Spargelliebhabern stehen also harte Zeiten bevor. Eine genaue Prognose gibt es aber erst, wenn man wieder auf die Felder kann. „Der Spargel liebt es trocken“, erklärt Guido Henzler.

Aufgegeben wird aber nicht. Da sind sich Guido und Gunther Henzler einig. „Wir haben ja auch Verpflichtungen gegenüber unseren Mitarbeitern und Kunden.“ Guido Henzler schaut nach vorne und überlegt, mehr und mehr in den geschützten Anbau überzugehen. Das heißt, die Erdbeeren wachsen vermehrt unter Tunneln, so ist ein großer Teil gegen die Wettereinflüsse geschützt. „Die Investitionen sind hoch“, klagt Kaufmann Gunther Henzler, „aber am Schluss zählt der Erntevorteil.“ Sowohl Produzenten als auch Händler hoffen auf das Verständnis der Kundschaft, wenn in der Erdbeerschale mal eine weiche Frucht auftaucht oder eben die Haltbarkeit sehr kurz ist. Aber meistens sind die süßen roten Dinger ja eh zu verlockend, als dass sie lange rumstehen.

Spargel im Wasser
Spargel im Wasser
Pflücker im Erdbeerfeld
Pflücker im Erdbeerfeld
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