Kirchheim

Die erhabene Ruhe des Gebäudes überträgt sich

Seelsorge Ein Tag im geöffneten Gotteshaus: Die Martinskirche bietet für viele einen Platz des Innehaltens.

Im Eingansbereich liegt Lesestoff zum Mitnehmen. Foto: pr
Im Eingansbereich liegt Lesestoff zum Mitnehmen. Foto: pr

Kirchheim. Die Martinskirche, das älteste Gebäude der Stadt, macht jeden Morgen um etwa neun Uhr auf. Mehr als fünf Menschen dürfen in Corona-Zeiten allerdings nicht gleichzeitig hinein. Am Eingang gibt es ein Tischchen, auf dem Predigten aus den Videogottesdiensten ausliegen, „an(ge)dacht“-Impulse der Kirchheimer Pfarrer und CDs von der Musik zur Sterbestunde Jesu.

Den ganzen Tag über erscheinen Menschen in der Martinskirche, um sich dort kurz in eine Bank zu setzen oder die restaurierten Kirchenfenster oder das schöne Marienbild mit der sogenannten „Schwäbischen Mona Lisa“ anzuschauen. Eine Frau mit Einkaufskorb, wohl auf dem Nachhauseweg vom Markt, scheint einfach die Stille und die erhebende Ausstrahlung des Kirchenraums auf sich wirken zu lassen. Einer sitzt mit gesenktem Kopf und gefalteten Händen da, betet. Der Kirchenraum ist ein Unterbrechungsraum in der Schnelligkeit und Aufgeregtheit des alltäglichen Lebens - und ein Ort der Stille. Zugleich aber ist die Martinskirche auch ein sprechender Ort für den, der sich Zeit nimmt.

Und es kann einem gerade in den Erschütterungen der gewohnten Sicherheiten neu bewusst werden, was an den barocken Grabmonumenten abzulesen ist: memento mori - Bedenke, dass du sterblich bist. Davon zeugt manches stumme Kopfnicken.

Der Leiter des evangelischen Kreisbildungswerks, Dr. Markus Geiger, und Pfarrer Jochen Maier bauen 18 Ausstellungstafeln auf, die das Leben von Paul Schneider zeigen, des sogenannten Predigers von Buchenwald. „Denk an Schneider!“ Dies war unter den Häftlingen im Konzentrationslager Buchenwald ein geflügeltes Wort - auch Jahre nach seiner Ermordung 1939, denn es machte Mut. Statt eines Vortrags von Dr. Markus Geiger, der geplant war, wird es eine Online-Führung geben. Die Ausstellungstafeln stehen noch bis 30. April.

Am späten Nachmittag kommt dann ein Orgelschüler zum Üben. Die wenigen Besucher genießen es, es muss ja Abstand gehalten werden. Auch als noch eine Mitarbeiterin des Architekturbüros, das mit der Umsetzung der Planungen für die Innenrenovierung begonnen hat, durch das Gebäude geht, geschieht das langsam. Der Respekt ist spürbar. Ein erklärtes Ziel der Innenrenovierung ist es, die spirituelle Qualität der Martinskirche noch besser hervorzuheben. Die Martinskirche soll Ruheplatz und Andachtsraum sein, aber auch wieder ein großer, einladender Raum für vielfältige Formen des Gottesdienstes, für Musik, Kultur und Begegnung.

Wenn die Sonne von der offenen Westseite her scheint, erklingt um 19.30 Uhr das abendliche Glockengeläut. Danach kommt die Nacht, die Kirche ist zu, und nur wer sehr feine Ohren hätte, könnte dann die Fledermäuse hören, die jetzt gerade aus ihren Winterquartieren in den Dachstuhl der Martinskirche zurückkehren. Für sie ist die Martinskirche immer offen. Axel Rickelt

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