Kirchheim

Die Flüchtlinge verlieren viel zu viel Zeit

Interview Renate Hirsch von der Beratungsstelle „Chai“ fordert für Flüchtlinge eine frühzeitiger Verzahnung von Deutschkurs und beruflicher Qualifikation und übt Kritik an Neuregelungen für Personen ohne Bleiberecht.

Renate Hirsch
Renate Hirsch

Frau Hirsch, fast 1,5 Jahre „Treffpunkt Einstieg Job“ (JET). Ihr Fazit?

Anzeige

Renate Hirsch: Die Begleitung von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt braucht viel Zeit und individuelle Zuwendung. Nach und nach beenden gerade die Syrer, die 2015 gekommen sind, ihren Integrationskurs. Selbst innerhalb dieser Gruppe gibt es riesige Unterschiede hinsichtlich der Bildung, vom Analphabeten bis zum Akademiker. Erfolge sind für uns all die - teilweise kleinen - Schritte, mit denen wir den Besuchern von JET weiterhelfen können: Das ist im Idealfall die Vermittlung eines Arbeits-, Ausbildungs-, Praktikums- oder Schulplatzes, aber ebenso ein klärendes Gespräch, wie es beruflich weitergehen kann, was realistisch ist, welche Voraussetzungen es braucht. Es sind vor allem drei Faktoren, die unsere Arbeit erleichtern: der ideale Raum im Café „Eckpunkt“, die gute Zusammenarbeit mit dem Jobcenter und anderen Netzwerkpartnern und unser so engagiertes Ehrenamtlichen-Team.

Was wünschen Sie sich von der Politik?

Hirsch: Flüchtlinge verlieren viel Zeit, bevor sie mit dem Arbeitsmarkt in Berührung kommen. Erst das Asylverfahren, dann der Vollzeit-Integrationskurs, darüber können Jahre vergehen. Mein Wunsch an die Politik wäre eine ganz frühe Verzahnung von Deutschkurs und beruflicher Qualifizierung, schon während des Asylverfahrens. Dazu gehört außer individueller Begleitung die Möglichkeit von Praktika, Betriebsbesichtigungen und dergleichen. Und zuvor natürlich die Feststellung, welche beruflichen Erfahrungen die Menschen mitbringen und die Überprüfung ihrer Abschlüsse. Die Abschlüsse sind wichtig, aber glücklicherweise nicht mehr allein ausschlaggebend für die berufliche Zukunft. Ich wünsche mir diese frühen Einstiegsmöglichkeiten übrigens für alle Flüchtlinge, nicht nur für die aus den „privilegierten Herkunftsländern“. Wo auch immer die Menschen später leben, sind das nützliche Erfahrungen.

Sie sprechen von frühzeitiger Verzahnung. Wie sieht das bei Personen aus, die momentan ohne Bleiberecht in Deutschland leben?

Hirsch: Man muss realistisch sein: Viele Arbeitgeber sind bereit, Flüchtlinge einzustellen, aber ohne Deutschkenntnisse funktionieren Arbeitsabläufe nicht, trotz des guten Willens. Es braucht also Deutschkurse, die über die wenigen Stunden, die das Flüchtlingsaufnahmegesetz garantiert, hinausgehen. Aktuell liegen uns Informationen vor, dass Baden-Württemberg Deutschkurse für Menschen ohne Bleiberecht nicht mehr finanziert. Für Personen, deren Herkunftsländer als sicher gelten, wie zum Beispiel Afghanistan, wird es deshalb aller Voraussicht nach keine Mittel mehr für Sprachkurse geben. Bis geklärt ist, ob die Betroffenen hier bleiben dürfen, verstreicht dann viel wertvolle Zeit. Sie harren in der Asylunterkunft im Wartestatus aus.

Wie sieht das bei Personen ohne Bleiberecht aus, die mit Sprachkenntnissen in Deutschland leben?

Hirsch: Nach dem neuen Integrationsgesetz haben sie theoretisch die Möglichkeit, im Land zu bleiben, wenn es ihnen gelingt, einen Ausbildungsvertrag zu bekommen. Stimmt die Ausländerbehörde zu, können sie die Ausbildung aufnehmen. Erhalten sie im Anschluss daran bei einem Unternehmen einen Arbeitsvertrag, können sie weitere zwei Jahre in Deutschland arbeiten in der Hoffnung, ein Bleiberecht zu bekommen. Diese neue Regelung hat allerdings viele praktische Hürden.

Das JET sucht Ehrenamtliche. Welche Qualifikation müssen Interessierte mitbringen?

Hirsch: Ja, wir freuen uns über weitere Unterstützung. Wer Lust hat, sich im JET zu engagieren, sollte gerne mit Menschen aus anderen Kulturen zusammenarbeiten. Besondere Qualifikationen sind nicht erforderlich, allerdings ist es hilfreich, wenn man Einblicke aus dem eigenen Arbeitsleben mitbringt. Oder Studenten aus sozialwissenschaftlichen Studiengängen könnten etwa ihr Praxissemester bei uns verbringen und so auch wertvolle Erfahrungen in der Beratung sammeln. Wer interessiert ist, kann gerne Kontakt mit uns aufnehmen.Daniela Haußmann