Kirchheim

Die Freiheit buchstabieren

Glaubensfest Im Reformationsjahr wollten die Protestanten nicht alleine feiern, sondern auch mit Angehörigen anderer Konfessionen. Und das taten sie auch auf dem Kirchheimer Marktplatz. Von Peter Dietrich

Beim „Fest des Glaubens“ auf dem Kirchheimer Marktplatz spielte die Band „Yesterday’s Morning“. Foto: Peter Dietrich
Beim „Fest des Glaubens“ auf dem Kirchheimer Marktplatz spielte die Band „Yesterday’s Morning“. Foto: Peter Dietrich

Der Glaube an den überkonfessionellen Wettergott wurde beim „Fest des Glaubens“ großzügig belohnt, bei abendlichem Sonnenschein kamen rund 500 Besucher auf den Kirchheimer Marktplatz. Bei Regen wäre das Fest ausgefallen. Organisiert hatten das Fest die in der ACK verbundenen Kirchengemeinden: Das sind die Evangelische Gesamtkirchengemeinde, die katholischen Kirchengemeinden St. Ulrich und Maria Königin, die evangelisch-methodistische Zionskirche und die evangelisch-freikirchliche Gemeinde im Steingau. Ausdrücklich hatten sie auch Menschen anderen Glaubens zum Fest eingeladen.

Leitmotiv des Festes war das Thema „Freiheit“. Sie wurde nicht nur besprochen und besungen, sondern auch bei einer Spielaktion durchbuchstabiert. Auf den Biertischen lagen die Buchstaben des Wortes „Freiheit“ aus, dazu hatte jeder Besucher einen Extrabuchstaben bekommen. In zehn Minuten versuchten alle an einem Tisch, daraus möglichst viele Wörter zu legen, der Rekord lag bei 87. Für den evangelischen Pfarrer Jochen Maier war die Aktion ein Symbol: „Aus Freiheit können viele andere gute Dinge entstehen, segensreiche Einstellungen und Haltungen.“ Nötig sei aber, dass jeder einzelne seinen persönlichen „Buchstaben“ dazugebe. Die Freiheit im Glauben und aus dem Glauben heraus, sagte Jochen Maier, sei „ein wichtiges Kernanliegen aller erwachsenen Spiritualität und Religiosität“. Christliche Freiheit sei eine verantwortliche Freiheit, sie habe den Nächsten und die Gesellschaft im Blick.

"Eine so gelungene Ökumene macht ungeduldig"

Jochen Maier zitierte Martin Luther, die größte Ehre, die man einem anderen Menschen antun könne, sei die, dass man Vertrauen zu ihm habe. Vertrauen muss aber wachsen, daher gab es beim Fest des Glaubens viel Zeit zum Reden und gemeinsamen Essen vom Buffet. Dieses war von Gemeindemitgliedern vorbereitet und gespendet worden. Alles war bestens organisiert, bis hin zu den jugendlichen Pfandflascheneinsammlern. Das Musikprogramm reichte von der Band „Yesterday’s Morning“ bis zum fitten Konfirmanden-Elternchor.

„Eine so gelungene Ökumene macht ungeduldig“, sagte der katholische Pastoralreferent Reinhold Jochim. Der Applaus zeigte, dass die Kirchenbasis mehr will, als manche Kirchenoberen bisher zulassen. Nur eine gelebte Einheit, unterstrich Reinhold Jochim, mache die Christen glaubwürdig. Er sah zudem über die Christen hinaus: Das Miteinander der Weltreligionen sei der Schlüssel zum Frieden in der Welt.

Dekanin Renate Kath betonte die Freiheit vom Zwang, perfekt und erfolgreich sein zu müssen. „Jeder Versuch in der Welt ist mehr als die erstrebte Perfektion.“ EmK-Pastor Stefan Herb zeigte, wie verschieden Gefängnisse sein können, sie können aus dem Wirtschaftssystem oder den eigenen Gedanken gebaut sein.

Christen und Muslime setzen sich für friedliches Zusammenleben ein

In ihrem gemeinsamen Statement erklärten Willi Kamphausen und Murat Lök, warum sie sich als Christ und Muslim für das friedliche Zusammenleben aller Menschen in Kirchheim einsetzen. Sie erinnerten an viele gemeinsame Aktionen von der Menschenkette bis zur 72-Stunden-Aktion und 24-Stunden-Aktion katholischer und muslimischer Jugendlicher. Beide sagten sich auch ganz persönlich zu: „Ich bin da, wenn du mich brauchst.“

Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker sprach aus juristischer Sicht über die Freiheit. Im Dienst der Freiheit stehe das Grundgesetz. „Wir haben die beste Verfassung der Welt, dessen sollten wir uns jeden Tag und auch bei Wahlen bewusst sein.“ Das Grundgesetz garantiere den Ausschluss von Gewaltherrschaft, die Gewaltenteilung, das Recht auf Opposition, die Freiheit der Religion und der Presse und eine Vielzahl anderer Freiheiten.

In einem, warnte Angelika Matt-Heidecker, könne das Grundgesetz aber wenig bewirken. „Wo die Grundversorgung fehlt, nutzt die Freiheit wenig.“ Die Eigentumsfreiheit nutze demjenigen, der kein Eigentum habe, wenig. Die Berufsfreiheit nutze dem Arbeitslosen wenig. Die Unverletzlichkeit der Wohnung nutze dem Obdachlosen wenig. Deshalb sei die Grundversorgung genauso wichtig wie das Grundgesetz.

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