Kirchheim

„Die Gehirne sind anders vernetzt“

Vortrag Auf Einladung des Kirchheimer Gesamtelternbeirats referierte der Erziehungswissenschaftler Professor Peter Struck im Ludwig-Uhland-Gymnasium über Chancen und Risiken der Digitalisierung. Von Anke Kirsammer

In Fächern wie Geschichte, Erdkunde und Biologie könnten die Schüler laut Professor Peter Struck enorm vom Einsatz neuer Medien
In Fächern wie Geschichte, Erdkunde und Biologie könnten die Schüler laut Professor Peter Struck enorm vom Einsatz neuer Medien profitieren. Gut drei Stunden beleuchtete der Erziehungswissenschaftler, der an der Uni Hamburg lehrt, im Musiksaal des LUG derlei Erkenntnisse. Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. In den meisten Kinderzimmern haben Smartphone und Tablet längst Einzug gehalten. WhatsApp, Instagram und Computerspiele dominieren oft den Alltag schon von Grundschülern. Unter dem Titel „Wie die Medien das Lernen unserer Kinder verändern“ hatte der Gesamtelternbeirat der Stadt Kirchheim den Hamburger Erziehungswissenschaftler Peter Struck ins Ludwig-Uhland-Gymnasium eingeladen. In seinem Vortrag warnte er vor Schwarz-Weiß-Malerei. Eine Auswahl seiner Aussagen von A bis Z:

Acht Prozent der 8- bis 14-Jährigen in Deutschland sind süchtig nach dem Bildschirm.

Bewegung ist notwendig, um gut lernen zu können. Kinder bis 13 lernen am besten, wenn sie auf dem Bauch auf dem Teppich liegen, den Ort wechseln dürfen und nicht still sitzen müssen.

Computerspiele sorgen bei Kindern wie Domino und andere Spiele dafür, dass die körpereigene Droge Dopamin produziert wird und das Belohnungssystem im Gehirn wächst. Neun Stunden Computerspiele pro Woche im Grundschulalter sind in Ordnung. Eigentlich müssten die Kinder von heute dadurch so neugierig, kreativ und konfliktfähig sein wie nie zuvor. Die Schule tötet das Belohnungssystem aber durch zu frühe Notengebung.

Deutschland ist ein Entwicklungsland, was die Ausstattung der Schulen mit digitalen Medien angeht. Nur Thüringen ist in diesem Bereich weit.

Eltern haben Angst vor den neuen Medien. Dabei bieten sie hervorragende Möglichkeiten für die Schüler und könnten die Lehrer erheblich entlasten.
Fächer wie Geschichte, Erdkunde und Biologie profitieren enorm vom Einsatz neuer Medien. In diesen Fächern lässt sich der Bildschirm als Erkundungsgerät nutzen. Schüler lernen in diesen Fächern mehr, wenn sie sich die Inhalte selbst besorgen. Das gilt aber nicht für neuen Stoff in Mathe, weil Schüler beispielsweise nicht selbst darauf kommen, wie man das Volumen einer Halbkugel berechnet.

Gut ist eine Schule, weil sie es selbst will, nicht weil eine Regierung gut ist. In guten Schulen spielen die Bereiche Lesen, Schreiben, Rechnen und die Naturwissenschaften eine große Rolle, Schüler und Lehrer fühlen sich wohl, und sie haben deutlich mehr Anmeldungen als Plätze.


Hirnforscher haben herausgefunden, dass die Gehirne von Schülern durch die Digitalisierung ganz anders vernetzt sind als früher. Deshalb lernen sie anders. Neurobiologen werfen den Lehrerkräften vor, dass sie das nicht beachten. Durch die Digitalisierung können die Kinder nicht mehr zuhören. Das Wort des Lehrers kommt nicht mehr an. Durch Lesen bleiben nur zehn Prozent des Stoffs hängen. Wenn Schüler einem anderen etwas präsentieren, bleiben dagegen 90 Prozent des Wissens im Gedächtnis.


Intelligenz allein ist nicht entscheidend für erfolgreiches Lernen. Das Allerwichtigste ist ein gutes Selbstwertgefühl. Das wiederum lässt sich bei Kindern insbesondere durch Rollen- und Theaterspiel erhöhen.

Jungen lernen zu 90 Prozent durch Ausprobieren, über Um- und Irrwege. Bei Mädchen trifft das nur auf 60 Prozent zu. Hirnforschern zufolge darf man Kindern deshalb erst ab 13 Noten geben, ab 14 muss man ihnen Noten geben. Ein Schulsystem, das bereits in der Grundschule Noten erteilt, benachteiligt die Jungen.

Killerspiele führen zu emotionalen Verlusten, machen bindungsunfähig und unempfindlich für Schmerzen. Der Hirnforscher Manfred Spitzer hat festgestellt, dass Jungen, die täglich im Schnitt vier Stunden Killerspiele machen, eine deutlich kleinere emotionale Hirnpartie haben, als Schüler, die genauso lang singen, tanzen oder Klavier spielen. Jugendliche, die viel Zeit mit Killerspielen verbracht haben, sind deshalb eine Zeitbombe für die Gesellschaft, weil sie es später nicht schaffen werden, ein gutes emotionales Verhältnis zu ihren eigenen Kindern aufzubauen.

Lehrer sollten am besten zu zweit zwei Jahrgänge in einem Raum unterrichten. Optimal ist es für die Kinder, wenn eine Frau und ein Mann ein solches Tandem bilden.

Mathe lernen Schüler am effektivsten, wenn sie davor und vor allem danach Bewegung, Sport oder Musik haben.

Nur wenn man einem Fünfjährigen ein Smartphone gibt, kann man sicher sein, dass es gut ausgeht. Bedingungen sind die Auswahl gewaltfreier Spiele, die altersangemessene Dosierung und Gespräche der Eltern mit ihren Kindern. Wer einem Elfjährigen das erste Mal ein Smartphone gibt, weiß nicht, was daraus wird. Eine Gefahr lauert beispielsweise im Cybermobbing.

Optimal ist es, wenn Schüler zu zweit lernen. Kinder müssen in der Schule immer zusammen mit einem Partner am Computer arbeiten.

Pädagogische Konzepte sind notwendig, um die Gewaltbereitschaft einzudämmen. Das geht nur über Erziehung, Moral und Vernunft.

Rhythmisierung, also der Wechsel von Spannung und Entspannung, ist das A und O beim Lernen. Zu schaffen ist das nur in gebundenen Ganztagsschulen. Rhythmisieren lassen sich jedoch auch 45-minütige Schulstunden. Optimale Pausen sind nur zehn Minuten lang. Das Lernen von Fremdsprachen geht ebenfalls am besten in zehnminütigen Portionen. Naturwissenschaften sollten nachmittags auf dem Stundenplan stehen.

Sogenanntes szenisches Lernen ist sinnvoll, um sich Dinge einzuprägen, die der Mensch normalerweise nach sechs Wochen vergisst. Dazu müssen alle Sinne einbezogen werden. Gelernt wird also unter anderem durch Schreiben, Sehen, Sprechen und Bewegung.

Tagsüber kann der Mensch nicht wirklich etwas begreifen. Das geht vor allem nachts in den Tiefschlafphasen.

Üben müssen Schüler vormittags, was am Nachmittag vorher eingeführt wurde. Den Kindern nachmittags Hausaufgaben zu geben, ist das Pferd falsch aufgezäumt.

Vorzeigeschulen sind unter anderem die Digitalis-Schulen in den Niederlanden. Laufen, Klettern, Matschen, der Umgang mit Musik und vielen Materialien wird dort bei den kleinen Kindern großgeschrieben. Für ein paar Minuten nehmen sie sich außerdem jeden Tag ein Tablet zum Lernen. Mit elf Jahren können sie doppelt so gut lesen, schreiben und rechnen wie andere Kinder.

Wissensvermittlung wird in Deutschland übertrieben. Das Können ist wichtiger geworden, denn die Wirtschaft braucht selbstständige, teamfähige, erkundungsstarke Leute.

Zwischen dem achten und dem zwölften Lebensjahr ist es besonders entscheidend, auch außerhalb der Familie gleichbleibende Bezugspersonen zu haben. Die Kinder nach der vierten Klasse aufzuteilen, ist deshalb unfassbar dumm.

 

Zur Person

Vortrag am LUG  mit Prof. Peter Struck, organisiert vom Kirchheimer Gesamtelternbeirat. Thema: wie die Medien das Lernen unserer
Vortrag am LUG mit Prof. Peter Struck, organisiert vom Kirchheimer Gesamtelternbeirat. Thema: wie die Medien das Lernen unserer Kinder verändert haben.Porträt von Peter Struck

Professor Peter Struck hat seit 1979 an der Universität Hamburg eine Professur für Erziehungswissenschaft. Er hat Pädagogik, Biologie und Kriminologie studiert, unterrichtete zehn Jahre lang als Volks- und Realschullehrer, anschließend arbeitete er vier Jahre lang als Schulgestalter in der Behörde für Schule, Jugend und Berufsbildung in Hamburg.

Seine Schwerpunkte an der Uni Hamburg sind Sozial- und Schulpädagogik, Bildungspolitik, Jugendforschung, Familienerziehung und Medienpädagogik. Peter Struck ist Autor zahlreicher Bücher. ank

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