Kirchheim

Die Innenstadt als „offenes Buch“

Kirchheimer „Häusergeschichte im Internet“ bietet eine Fülle interessanter Fotos und Fakten

Ein historischer Schatz zeigt sich im modernsten Gewand: Die Geschichte nahezu aller Häuser in Kirchheims Innenstadt lässt sich im Internet nachlesen.

Joachim Brüser, Rosemarie Reichelt und Sabine Widmer-Butz (von links) begutachten gemeinsam die neue „Kirchheimer Häusergeschich
Joachim Brüser, Rosemarie Reichelt und Sabine Widmer-Butz (von links) begutachten gemeinsam die neue „Kirchheimer Häusergeschichte“ - die Übertragung historischer Daten aus handschriftlichen Steuerlisten in eine digitale und öffentlich zugängliche Internet-Datei.Foto: Tanja Spindler

Kirchheim. Rosemarie Reichelt und Sabine Widmer-Butz haben sich akribisch durch Steuerbücher gewühlt, um die Geschichte einzelner Häuser zu rekonstruieren. Für so ziemlich jedes Haus innerhalb des Alleenrings haben sie Daten zusammengetragen, die vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart reichen. Dazu gehören Angaben zur Zahl der Stockwerke und Wohnungen oder auch zu Stallungen, Scheuern und sonstigen Nebengebäuden. Die wichtigsten Angaben – vor allem für Menschen, die sich für ihre Familiengeschichte interessieren – sind aber die Namen der früheren Eigentümer, also der Zins- beziehungsweise Steuerpflichtigen. Aus Datenschutzgründen enden die Aufzählungen dieser Namen fast immer mit dem Jahr 1895. Für das 20. Jahrhundert jedenfalls sind keine Haus- oder Häuslesbesitzer mehr angegeben.

Dass 1895 so oft auftaucht, ist kein Zufall. Auch andere Jahreszahlen sind in der Internet-Häusergeschichte „prominent“ vertreten: die Jahre zwischen 1711 und 1715, die Jahre 1788, 1823, 1828 sowie 1873 bis 1875 und eben 1895. In allen diesen Jahren wurden jeweils aktuelle Steuerlisten oder auch Kataster angelegt.

Über viele Jahre hinweg sind die einzelnen Häuser in den Listen eher vage beschrieben. Straßennamen gab es noch lange nicht, von Hausnummern ganz zu schweigen. Meist lassen sich die Verhältnisse nur rückschließen aus Angaben über Eigentümer und Vorbesitzer. Ganz wichtig sind die Angaben zu den Abgaben, zu den Zinsen: „Die Zinsen sind über Jahrhunderte hinweg gleichbeblieben“, sagt Rosemarie Reichelt. Nicht nur für die damaligen Bewohner, auch für die heutigen Historiker ist diese einstige „Zinspolitik“ als Glücksfall anzusehen.

Wie schwierig sich die Zuordnung der einzelnen Häuser zu heutigen Gebäuden – oder auch, abrissbedingt, zu den Grundstücken von Neubauten – gestaltet, zeigt sich an späteren Nummerierungen. „1823 haben alle Häuser Nummern“, sagt Sabine Widmer-Butz, „aber eben nichts als Nummern.“ 1875 schließlich sei Kirchheim in vier Bezirke eingeteilt worden, A bis D. Die Innenstadt hatte den Buchstaben A. Innerhalb eines dieser Bezirke hatte jedes Haus eine Nummer. 1895 schließlich gab es Straßennamen und Hausnummern, so wie es im Prinzip heute noch funktioniert. Ein Problem gibt es allerdings noch: Die Straßennamen haben sich seit 1895 mitunter geändert.

Ein konkretes Beispiel: Das „Stiftshaus“ – eines von 13 „bedeutenden“ Häusern in der Innenstadt, die in der Internetkartierung eine rote Nummer erhalten haben – hat 1823 die Nummer „105“, 1875 die Bezeichnung „A 112“ und 1895 die Adresse „Karl­straße 42/44“. Dazu muss man aber aus heutiger Sicht wissen, dass die „Karlstraße“ inzwischen „Max-Eyth-Straße“ heißt. Eine ganze Reihe unterschiedlicher Besitzer listet die Häusergeschichte für das Stiftshaus auf, beginnend 1587/89 mit „Hans Veith von Wernau, vorher ­Veyth Spät von Thumnau“, und endend 1895 mit „Louis Aheimer, Kaufmann (seit 1880)“.

Stadtarchivar Joachim Brüser erläutert, dass die Handhabung für die Benutzer so einfach wie möglich gemacht ist: „Wir gehen vom heutigen Stadtplan und damit auch von den heutigen Straßennamen und Hausnummern aus.“ Folglich ist das Stiftshaus unter der Adresse „Max-Eyth-Straße 42/44“ zu finden. Zu den Eigentümern wiederum meint Rosemarie Reichelt: „Auffällig ist, dass die Häuser nicht lange im Besitz einer Familie bleiben. Die Verhältnisse haben ständig gewechselt.“ Ein besonderes Datum ist natürlich das Jahr 1690: Vor dem Stadtbrand gab es viel mehr Häuser als danach. Wo vorher zwei Häuser standen, wurden nachher oft Grundstücke zusammengelegt, um nur noch ein Haus zu bauen.

Die Häusergeschichte ist hilfreich für Historiker wie für interessierte Laien. Sabine Widmer-Butz schränkt allerdings ein: „Wer Genaueres wissen will, muss ins Archiv kommen und weiterforschen.“ Aber auch ohne konkrete Fragen zur Forschung ist die Häusergeschichte interessant, wie der Stadtarchivar anmerkt: „Man kann sich auch an den vielen Bildern von einst und heute erfreuen.“

Richtig glücklich sind alle drei Beteiligten nun über die Form der Online-Veröffentlichung. Eigentlich wa­ren einmal zwei Bände der Schriftenreihe dafür vorgesehen. Es bestand aber die Gefahr, dass diese Bände wegen ihres speziellen Themas zum Ladenhüter geworden wären. So aber – kostenlos – findet die akribische Sammelarbeit der beiden Historikerinnen hoffentlich dankbare Abnehmer, und zwar unter der Internet-Adresse www.kirchheim-teck.de/de/Kirchheimer-Haeuser.

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