Kirchheim

„Die Leidtragenden sind die Menschen“

Brexit Der Ausstieg Großbritanniens aus der EU rückt näher. Das bedeutet viel Unsicherheit für Unternehmen und Bürger. Wie empfinden Kirchheimer Bürger, die auf der Insel leb(t)en, die Stimmung?

Pro-Europäische Demonstrationen wie hier in Frankfurt sind auch in London keine Seltenheit.Foto: Anna-Leah Gebühr
Pro-Europäische Demonstrationen wie hier in Frankfurt sind auch in London keine Seltenheit.Foto: Anna-Leah Gebühr

Zwei Jahre ist es her, dass die Briten die ganze Welt mit einem Paukenschlag überraschten: Mit hauchdünner Mehrheit stimmten sie für den Brexit. Das bedeutet, dass Großbritannien die Europäische Union verlässt. Jetzt rückt das Austrittsdatum in greifbare Nähe. Ende März ist es so weit. Doch die Verhandlungen haben bisher kaum Ergebnisse gebracht. Wie es nach dem Brexit weitergeht, ist auch für viele Bürger aus der Teckregion wichtig.

Nina Gerstenberger ist sehr besorgt über die aktuelle Entwicklung. Die Ötlingerin lebt nun seit 15 Jahren in Großbritannien, die letzten fünf Jahre hat sie in Manchester verbracht. Sie kann noch nicht einschätzen, inwiefern der Brexit ihr Leben verändern wird, da die Situation der EU-Bürger im Vereinigten Königreich immer noch ungewiss ist. Ohne einen Deal zwischen Großbritannien und der EU bleibt diese Unsicherheit bestehen, und sie hat wenig Vertrauen in die Versprechungen der britischen Regierung.

Schon jetzt bemerkt sie negative wirtschaftliche Auswirkungen der Brexit-Entscheidung, wie etwa steigende Lebenshaltungskosten. Außerdem sei Fremdenhass nun nicht mehr die Ausnahme in einer „einst liberalen und toleranten Nation“, sondern viel mehr „an der Tagesordnung“, unterstützt von veralteten nationalistischen Ideologien. Die Filmemacherin hofft, dass es trotz allem nicht zum Brexit kommt, und dass ihre Rechte als EU-Bürgerin gewahrt werden. Doch die Spaltungen, die der Brexit in Großbritannien verursacht hat, würden so oder so nicht rasch heilen.

Auch Vanessa Frenz spürt die Auswirkungen des Brexit-Entschlusses. Die Kirchheimerin hat für ihr Masterstudium ein Jahr in der schottischen Hauptstadt Edinburgh gelebt. Noch vor dem tatsächlichen Austritt im März kehrt die Werbefachfrau nach Deutschland zurück. Daher wird sich ihr Leben vermutlich nicht direkt verändern. Sie fühlt sich dem Land jedoch weiterhin verbunden und hofft, dass trotz der Abspaltung „eine freundschaftliche Beziehung zwischen den Ländern erhalten bleibt“.

Im Gegensatz zu anderen ist Vanessa Frenz überzeugt, dass am Brexit kein Weg mehr vorbeiführt. Darüber ist sie jedoch keineswegs erfreut. In Schottland seien die meisten von der EU überzeugt, daher erlebt die Master-Absolventin die „Stimmung generell irgendwo zwischen nervös und frustriert“. Die Studentin kennt auch Debatten, dass Schottland sich vielleicht nun doch von dem Vereinigten Königreich lossagen könnte, um weiterhin Teil der EU zu sein. Obwohl es ihr gefallen würde, wenn Schottland in der EU bleibt, sei die Teilung des Vereinigten Königreiches auch nicht ideal. Internationale Studierende, die länger als sie in Schottland bleiben, seien sehr verunsichert.

Ähnlich äußert sich auch Anna-Leah Gebühr, die in London ihr Bachelorstudium macht. „Der Brexit ist allgegenwärtig, in der Stadt und in Gesprächen“, erzählt sie. London ist als multikulturelle Stadt der EU verbunden, die Mehrheit der Wähler hat dort gegen den Brexit gestimmt. Die Kirchheimerin erzählt, dass viele Studierende über den Ausgang der Verhandlungen besorgt sind. „Wir wissen nicht, wie es weitergeht“, sagt sie. Auch das Essen könnte im schlimmsten Fall knapp werden: Großbritannien importiert sehr viele Lebensmittel. Ohne eine erfolgreiche Regelung dürfte einiges fehlen, wie etwa Bacon oder frisches Obst.

„Viele fürchten sich vor Einschränkungen bei der Einreise oder Arbeit“, erzählt sie. Bisher garantiert die Freizügigkeit EU-Bürgern, ihren Wohn- und Arbeitsort innerhalb der EU frei zu wählen. Künftig müssten EU-Bürger ein Visum beantragen, um in das Vereinigte Königreich einzureisen. Der Prozess ist oftmals sehr aufwendig und kostenspielig, teils dauert auch die Einreise deutlich länger. Vor allem für EU-Bürger, die regelmäßig ihre Familie besuchen, ist das ein Problem.

Anna-Leah Gebühr hofft, dass ein weiteres Referendum stattfindet, damit die Bürger entscheiden können, welche Art von Brexit sie wollen - oder ob sie ihn überhaupt noch wollen.

Wenig begeistert von der Situation ist auch Catherine Dring. Sie ist in Großbritannien aufgewachsen und hat unter anderem in Manchester, Sheffield und London gewohnt. Seit einigen Jahrzehnten wohnt sie in Holzmaden.

Vermutlich wird sie der Brexit nur geringfügig beeinträchtigen, da sie schon sehr lange in Deutschland lebt und vollständig integriert ist. Aber ganz sicher ist sie nicht, denn die Ungewissheit ist groß: „Niemand weiß, was passieren wird.“ Sie hofft, dass sich die weiteren Beziehungen zwischen Großbritannien und der EU konstruktiv und partnerschaftlich gestalten. Doch gleichzeitig hat sie Angst, dass die aktuellen Entwicklungen dies nicht begünstigen, und die verantwortlichen Politiker nicht in der Lage sind, einen positiven Ausgang zu finden. „Sie wissen nicht, was sie wollen, und die Leidtragenden sind die Menschen auf beiden Seiten“, erklärt sie.alg

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