Kirchheim

Die Mär von der schnellen Ausbildung

Warum der Sprung in die deutsche Arbeitswelt nicht immer so einfach ist, wie viele hoffen

Die Kirchheimer Gummifirma Hoffmann wollte unbedingt zwei kamerunische Flüchtlinge einstellen – und geriet in den Strudel der Bürokratie.

Viele deutsche Firmen suchen händeringend nach Auszubildenden. Symbolfoto: Jean-Luc Jacques
Viele deutsche Firmen suchen händeringend nach Auszubildenden. Symbolfoto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. „Ich hab‘ bislang nicht viel gemacht zum Thema Flüchtlinge“, sagt Andreas Neumann mit ein bisschen Wut, ein bisschen Unverständnis und auch ein wenig Resignation in der Stimme. „Ich wollte einfach zeigen können, dass nicht alles schlecht ist – dass es Menschen gibt, die trotz Sprachproblemen gut hier arbeiten können.“ Neumann wollte beweisen, dass Integration funktioniert. Er ist Betriebsleiter bei der Kirchheimer Hoffmann GmbH, die Gummiprodukte herstellt. Mit seinem Vorsatz, seine Position mal für einen guten Zweck zu nutzen, fing alles an.

Valery und Cloves A. sind Zwillinge aus Kamerun. Seit neun Monaten sind sie in Deutschland. Sie sind Christen. Der Vater der 21-Jährigen wurde in ihrer Heimat Kamerun ermordet, das Haus der Mutter wurde abgebrannt. Die beiden sind nach Deutschland gekommen, um hier zu bleiben, weil sie im Kamerun keine Zukunft sahen. Einer von ihnen hat einen Hochschulabschluss, der andere schon als Elektriker gearbeitet. Eigentlich haben beide beste Voraussetzungen. Bis auf die Sprache.

„Seit Monaten warten die Jungs auf einen Sprachkurs. Aber es gibt einfach keine Plätze mehr für sie“, erzählt Neumann. Valery und Cloves wollten das nicht so stehen lassen. Inzwischen haben sich die beiden Flüchtlinge auf eigene Kosten bei der Volkshochschule angemeldet. „Ist ja eigentlich auch okay so“, findet Neumann – nur anderen wird dasselbe eben bezahlt. Und ohne Sprachkenntnisse ist eine Ausbildung kaum zu machen, weiß Neumann aus eigener Erfahrung. Bei ihm ist schon mal ein talentierter Iraker an der Berufsschule gescheitert, der sechs Jahre Zeit hatte, sich an die Sprache zu gewöhnen. Neumann wollte die Kameruner deshalb erstmal nur für ein Praktikum haben. „Mal gucken, was die so können“, hat er sich gedacht. Doch selbst das scheint beinahe unmöglich. Nach wenigen Tagen im Betrieb musste er sie wieder nach Hause schicken. Die beiden Kameruner verstehen seitdem die Welt nicht mehr – und für Neumann ist es der Start einer Odyssee durch die deutsche Bürokratie.

Der Betriebsleiter hat anschließend Kontakt zu allen Institutionen gesucht, die sich mit der Thematik auskennen müssten: der Arbeitsagentur, der Industrie- und Handelskammer (IHK), der Handwerkskammer und der Arbeiterwohlfahrt (AWO), die im Kreis Esslingen für die Flüchtlingsbetreuung zuständig ist. Jede wisse in ihrem eigenen, kleinen Zuständigkeitsbereich Bescheid, aber keine habe den Überblick. Die einzelnen Puzzleteile wollen sich am Ende nicht zusammenfügen. „Letztlich wird man immer weitergeschickt. Alle stochern im Nebel und bremsen sich gegenseitig aus“, kritisiert der Betriebsleiter. Mechanismen, die dazu dienen sollten, Minderheiten zu schützen, drehen sich plötzlich ins Gegenteil: Sie sorgen dafür, dass Flüchtlinge kaum einen Fuß in die deutsche Arbeitswelt bekommen. „Ich weiß eigentlich überhaupt nicht mehr, wieso ich das Ganze mache“, gibt Neumann zu. „Und ich weiß, dass es in anderen Betrieben keine Leute gibt, die sich stundenlang hinsetzen, nur um jemanden in einem Praktikum zu beschäftigen.“

Die Firma Hoffmann bildet junge Leute zu Verfahrens- und Industriemechanikern sowie Industriekaufmännern aus. Außerdem gibt es eine kürzere, und leichtere, Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer. Laut Andreas Neumann wäre Letzteres eine gute Option für Flüchtlinge, um erstmal eine Basis zu schaffen und später darauf aufzubauen. Im Fall der Kameruner hätte Neumann ihnen nach dem Praktikum eine normale Stelle statt eines Ausbildungsplatzes angeboten – mit gängigem Lohn. Die praktische Arbeit habe in den wenigen Tagen super geklappt – nur an der deutschen Berufsschule wären sie nach erst neun Monaten in Deutschland sicher gescheitert. „Die Ausbildung kann man auch nach ein paar Jahren nachholen“, sagt Neumann.

Andreas Neumanns Hoffnung liegt jetzt darin, dass die Kümmerin für den Landkreis Esslingen ein bisschen Licht ins Dunkel bringt. Seit letztem Frühjahr unterstützt die gebürtige Libanesin Nesrin Abdullah Flüchtlinge und Betriebe in Ausbildungsfragen. So sollen möglichst viele Flüchtlinge im Kreis schnell mit Praktika und Ausbildungsplätzen versorgt werden. Ihr zufolge klappt die Vermittlung von Flüchtlingen im Regelfall problemlos – wenn alle Kriterien im Vorfeld erfüllt sind. Auf die Arbeitserlaubnis von der Ausländerbehörde müssen Asylbewerber im Moment allerdings bis zu zwei Monate warten. Viele Arbeitgeber können oder wollen das nicht.

Wann dürfen Flüchtlinge arbeiten?

Status: Ob Flüchtlinge in Deutschland arbeiten dürfen, hängt von ihrem Status ab. Anerkannte Flüchtlinge haben die gleichen Rechte auf dem Arbeitsmarkt wie Deutsche. Asylbewerber und geduldete Personen brauchen eine Arbeitserlaubnis von der Ausländerbehörde. Ob sie die bekommen, hängt von mehreren Faktoren ab. Beispielsweise haben EU-Bürger bei der Jobsuche Vorrang. Einige Flüchtlinge – meist aus sicheren Herkunftsländern wie Serbien, Albanien, Ghana und Senegal – haben sogar ein Beschäftigungsverbot. Ausbildung: Viele Flüchtlinge sind an einer Ausbildung in Deutschland interessiert, doch die wenigsten können gleich damit starten. Für eine Ausbildung wird eine erfolgreiche Prüfung auf dem Niveau B2 des Europäischen Referenzrahmens erwartet. Das heißt, dass man sich spontan und fließend unterhalten können muss – auch über komplexe Themen. Eine andere Möglichkeit ist die sogenannte Einstiegsqualifikation (EQ), die erstmal an die Ausbildung heranführt. Praktika: Auch für Praktika brauchen Asylbewerber eine Arbeitserlaubnis. Grundsätzlich muss für alle Praktika Lohn gezahlt werden. Gibt es keine Sonderregelungen, greift der gesetzliche Mindestlohn. Eine Ausnahme gibt es, wenn das Praktikum direkt in eine Ausbildung führen soll. Dann können Firmen Asylbewerber bis zu drei Monate lang ohne Mindestlohn einstellen – zur Berufsorientierung. Außerdem kann die Einarbeitungszeit in Firmen bezuschusst werden. mona

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