Kirchheim

Die Nachfrage steigt

Schmerztherapie In der Region gibt es bereits vereinzelt Lieferengpässe für Cannabis in den Apotheken. Sowohl Ärzte als auch Pharmazeuten stehen vor Herausforderungen. Viele sehen das Thema kritisch. Von Heike Siegemund

Ein unscheinbares Döschen mit umstrittenem Inhalt: Cannabis gibt es in der Apotheke auf Rezept.Fotos: Carsten Riedl
Ein unscheinbares Döschen mit umstrittenem Inhalt: Cannabis gibt es in der Apotheke auf Rezept. Foto: Carsten Riedl
canabis apotheke
Foto: Carsten Riedl

Anfang 2017 hat die Bundesregierung den Beschluss gefasst, dass es in Deutschland legal Cannabis auf Rezept geben soll. Seit März vergangenen Jahres können Ärzte die Droge verschreiben. Überregionale Medien berichten von einer so starken Nachfrage, dass es bereits zu Lieferengpässen in Apotheken kommt. Wie sieht es in der Teckregion aus? Erhalten auch hier immer mehr Patienten Cannabis auf Rezept?

Der Teckbote hat bei einigen Apotheken in Kirchheim nachgefragt, und nicht überall sind die Mitarbeiter schon mit dem Thema in Berührung gekommen.

Allerdings gibt es auch gegenteilige Äußerungen: In der Pinguin-Apotheke zum Beispiel ist durchaus von Lieferengpässen die Rede - zwar nicht bei Cannabis-Tropfen, dafür aber bei den reinen Blüten. „Der Bedarf ist wesentlich höher als das Angebot“, sagt Anke Steinacher, Filialleiterin der Pinguin-Apotheke im Teck-Center. „Im September habe ich bestimmte Sorten bestellt, die immer noch nicht angekommen sind. Momentan haben wir sechs Bestellungen am Laufen“, berichtet die Filialleiterin.

Ein teurer Wirkstoff

Mit Blick auf Lieferengpässe müsse man stets sehr vorausschauend planen. „Ich verwende Stunden, um immer etwas vorrätig zu haben“, sagt Anke Steinacher. Cannabis sei ein Rohstoff, „der nachwachsen und die Hürden der Qualitätskontrollen und des Zolls überwinden muss“. Manche Patienten benötigen eine ganz bestimmte Sorte; bei anderen wiederum wäre die Sorte egal, aber die Krankenkasse erstatte nur eine spezielle Blüte. Und Cannabis sei teuer. Beispielsweise kosten 40 Gramm holländische Blüten - das entspreche einer „normalen“ Menge im Monat - 980 Euro. Erhalte ein Patient die reinen Blüten, können die Inhaltsstoffe mithilfe eines Verdampfers inhaliert werden, informiert Anke Steinacher weiter. „Dies kann eine Alternative zu Schmerzmedikamentensein, zum Beispiel in der Palliativmedizin.“

Insgesamt gebe es mindestens 20 Blütensorten, die alle einen anderen Wirkungsgehalt haben. Die Blüten stammen aus Kanada oder Holland, „aber wir haben jetzt auch schon deutsche Sorten“, berichtet die Apothekerin. Mehrere Monate habe sie benötigt, um sich in das sehr komplexe Thema einzuarbeiten und um herauszufinden, welche Pflanze welche Inhaltsstoffe hat. Bei Tabletten oder Tropfen sei die Dosis klar definiert; doch bei Cannabis gebe es noch keine Normdosierungen als Richtwerte. „Das ist eine Wissenschaft, die noch viel Erfahrung braucht.“ Vor allem die Ärzte, die Pflanze und Dosis festlegen müssen, stünden vor großen Herausforderungen.

Ist es überhaupt hilfreich?

Daniel Miller, Inhaber der Adler-Apotheke, kann von Lieferengpässen bei Cannabis noch nichts berichten. „Ich denke, dass dies die reinen Blüten betrifft.“ In seiner Apotheke benötige er momentan keine Blüten, sondern eine ölige Lösung als Tropfen mit Cannabis-Extrakt. Generell steht Daniel Miller dem Thema kritisch gegenüber: „Die Thematik wird sehr aufgebauscht. In Einzelfällen kann es berechtigt sein, Cannabis zu verschreiben, zum Beispiel in austherapierten Fällen. Aber in der breiten Masse ist die Studienlage noch zu dünn, und es ist umstritten, ob Cannabis überhaupt hilfreich ist.“ Außerdem bestehe, da stimmt er mit Anke Steinacher überein, die Gefahr des Missbrauchs. „Der Arzt hat eine große Verantwortung“, betont Daniel Miller. „Schließlich läuft Cannabis als Betäubungsmittel.“

Vorsitzender der Ärzteschaft Nürtingen äußert Skepsis

„Ich bin offen für alles, was hilft - aber ich sehe den Vorteil von Cannabis nicht“, betont Thorsten Lukaschewski, Vorsitzender der Ärzteschaft Nürtingen. Er kritisiert das Gesetz, das die Bundesregierung auf den Weg gebracht hat: „Das hätte es nicht gebraucht. Denn es gibt keine guten Studien, die belegen, dass Cannabis besser ist als Placebo.“ Deshalb hat Cannabis für Thorsten Lukascheswki in der Schmerztherapie nichts verloren, vor allem wegen der Nebenwirkungen wie Schwindel, Wahrnehmungs- und Gedächtnisstörungen sowie der erhöhten Gefahr eines Ausbruchs von psychischen Erkrankungen. „Cannabis ist nicht so harmlos, wie manche vielleicht denken.“ Der Hype, der um die Droge gemacht werde, ist Lukaschewski ein Dorn im Auge. So seien viele der Meinung, es handle sich um ein ungefährliches Naturprodukt aus der Alternativmedizin.

Die Gefahr des Missbrauchs sei groß; verhindern könne man dies nur durch eine klare Arzt-Patienten-Bindung und Kontrolle durch den Arzt. Im Übrigen sei es verblüffend, dass seit der Einführung des Gesetzes in den Arztpraxen etliche Patienten auftauchen, die hoffen, ein Cannabis-Rezept zu erhalten. Diese machten gegenüber den Ärzten deutlich, dass sie auch zuvor schon Cannabis genutzt haben, um Krämpfe oder Schmerzen in den Griff zu bekommen. Ein ähnliches Bild sei auch aus den Studien ersichtlich: „90 Prozent der Nutzer haben zuvor schon Cannabis konsumiert.“

Für Lukaschewski steht fest: „Wir haben genügend Medikamente, die vielleicht sogar weniger Nebenwirkungen haben oder die wir besser kennen und kontrollieren können.“ Die vertrauten Medikamente könne man erst dann ersetzen, „wenn es etwas Besseres gibt“. Und die Studien zu Cannabis hätten nie bewiesen, dass dies der Fall ist.

Großzügiger müsse man hingegen in der Palliativmedizin sein, ergänzt Lukaschewski: Hier müsse man alles zulassen, wovon sterbenskranke Menschen glauben, dass es ihnen gut tut.hei

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