Kirchheim

Die „Netze“ halten auch in der Krise

Senioren Die Vereine zur Koordination sozialer Aufgaben haben Gemeinschaftsangebote für ältere Menschen wegen der Corona-Pandemie seit Monaten auf Eis gelegt. Gesucht wird nach individuellen Lösungen. Von Anke Kirsammer

Kaffeenachmittage in der Oberlenninger Seniorenwohnanlage gibt es derzeit nicht. Stattdessen wird viel telefoniert, und die Vera
Kaffeenachmittage in der Oberlenninger Seniorenwohnanlage gibt es derzeit nicht. Stattdessen wird viel telefoniert, und die Verantwortlichen lassen sich Alternativen einfallen. Archivfoto: Jean-Luc Jacques

Gruppen für Menschen mit Demenz, gemeinsame Schulungen oder Kaffeenachmittage - all das können die drei sozialen Netze in Kirchheim, Weilheim und Lenningen derzeit nicht anbieten. Doch Besuche bei Hochbetagten, die zu Hause leben, finden wieder statt. Das ist anders als zu Beginn der Pandemie.

Vielfältige Gruppenangebote hat beispielsweise der Verein „Unser Netz“ Lenningen und Owen im Normalfall im Repertoire. Der Betreuungsnachmittag für Menschen mit Demenz am Montag etwa, Gemeinschaftsangebote in der Wohnanlage und die B.U.S.-Treffen, in denen Bewegung, Unterhaltung und Spaß angesagt sind. Seit Monaten sind derlei Zusammenkünfte nicht möglich. Dafür ist Improvisationstalent gefragt: Die Teilnehmer der B.U.S.-Gruppen bekommen Anregungen für Gymnastikübungen in den eigenen vier Wänden. Menschen mit demenziellen Veränderungen werden Beschäftigungsangebote nach Hause gebracht. Statt Fortbildungen und Schulungen für die Ehrenamtlichen in lockerer Runde gibt es Online-Angebote von Krankenkassen oder der Alzheimergesellschaft. Gabriele Riecker, Leiterin der Geschäftsstelle, übt sich in Optimismus: „Wir hoffen auf Lockerung“, sagt sie. Derzeit laufe sehr viel übers Telefon. „Was wir früher regelmäßig im Teamtreff besprochen haben, machen wir jetzt in Einzelgesprächen.“ Zu Beginn des ersten Lockdowns im vergangenen Frühjahr hatte sie gedacht, sie hätte mehr Zeit. Rasch musste sie aber erkennen, dass das Gegenteil der Fall ist, da sich die Kommunikation viel aufwendiger gestaltet als üblich.

Froh ist Gabriele Riecker darüber, dass die Besuche im Rahmen des „Betreuten Wohnens zu Hause“ wieder möglich sind, nachdem sie im vergangenen Jahr runtergefahren worden waren. „Mit dem zweiten Lockdown im November haben uns viele angerufen und gesagt, ‚Lasst uns nicht im Stich!‘ “, erzählt sie. Bis auf wenige Ausnahmen, entweder weil die Hochbetagten es nicht möchten oder weil die Ehrenamtlichen selbst zur Risikogruppe gehören, finden die Besuche jetzt wieder im gewohnten Umfang statt. Wichtig seien individuelle Lösungen. Dank eines Hygienekonzepts und äußerst verantwortungsbewusster Ehrenamtlicher habe es bisher keine Coronafälle gegeben. Von einem Bröckeln des Ehrenamts sei beim „Netz“ derzeit noch nichts zu spüren. Im Gegenteil: Seit Beginn der Corona-Pandemie haben sich sechs Menschen gemeldet, die gerne einsteigen und sich engagieren möchten.

Eingeschränkt hat auch das „Soziale Netz Raum Weilheim“ nach einer Unterbrechung im vergangenen Frühjahr den Besuchsdienst wieder aufleben lassen. „Das Sozialministerium hatte das auch nie verboten“, betont die Leiterin der Koordinationsstelle, Rosemarie Bühler. Notwendige Fahrdienste, beispielsweise die Begleitung zum Arzt, finden ebenfalls statt. Betreuungsangebote wie „der schöne Nachmittag“ und das Café Lebenslust, eine Gruppe für Menschen mit Demenz, pausieren dagegen notgedrungen. Den Kontakt zu den Ehrenamtlichen, die neben regelmäßigen Treffen gerne die offene Sprechstunde im Bürgerhaus wahrnehmen, ersetzen momentan Telefongespräche und Mails. „Im Frühjahr habe ich außerdem begonnen, Monatsbriefe zu schreiben“, erzählt Rosemarie Bühler. Darin verpackt sie aufmunternde Geschichten, Rätsel, Gedichte und schöne Bilder. „All das hilft, um Zuversicht zu verbreiten.“

Bei „buefet“ springen die Hauptamtlichen ein

Pflege Hände
Pflege Hände

Den Besuchsdienst des Kirchheimer Vereins „buefet“ übernehmen momentan die Geschäftsführerin Monique Kranz-Janssen und die Hauptamtliche Anita Reinöhl. Das könne die Besuche Ehrenamtlicher nicht ersetzen, weiß Kranz-Janssen. „Wir wollen aber keinen Unmut schüren zwischen den eher Vorsichtigen und den Mutigen“, sagt sie. Die Ehrenamtlichen halten Kontakt im gewohnten Rhythmus - nur eben telefonisch. Nicht selten stellen sie ihren betagten „Tandempartnern“ einen Kuchen vor die Tür oder halten auch mal einen Plausch am Fenster.

 

Trostlosigkeit greift laut Monique Kranz-Janssen bei vielen Älteren nach einem Jahr Pandemie um sich. Aufgabe sei, Zuversicht zu vermitteln. Auch dass Entlastungsangebote wie der Gesprächskreis für pflegende Angehörige nicht stattfinden können, sei hart.

 

Um Abwechslung in den Alltag der älteren Menschen zu bringen, gibt es nun monatliche Ausgaben des sonst vierteljährlich erscheinenden „buefet-Boten“. Viel häufiger als sonst wird zudem zum Telefon gegriffen. „Wir haben festgestellt, die Geste kommt gut an. Die Leute merken, dass sie nicht vergessen sind“, so die Geschäftsführerin.

 

Die Pandemie hat ihr vor Augen geführt, dass die Corona-Versorgungshotline nur bei bestehenden Kontakten funktioniert. „Persönliche Netze muss man vor einer Krise knüpfen“, so lautet der Schluss, den Monique Kranz-Janssen aus den Erfahrungen der Pandemie zieht. Die Erkenntnis begreift sie auch als Ansporn für ihre künftige Arbeit.

 

Was die Coronakrise langfristig mache, sei ebenfalls spannend, gibt Monique Kranz-Janssen zu bedenken. Unter den Ehrenamtlichen seien viele Rentner. „Sie organisieren sich jetzt anders und denken vielleicht, im Garten ist es auch schön“, überlegt sie. Die Kunst werde sein, mit wechselnden Personen Beständigkeit hinzubekommen. Noch kennt sie keinen Ehrenamtlichen, der aufhören will. Sie geht aber davon aus, dass sich die Pandemie auf das Ehrenamt auswirkt. ank

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