Kirchheim

Die Physik sitzt am längeren Hebel

Lesung 120 Seiten wollte der Verlag von Winfried Wolf zum Thema „Stuttgart 21“ haben. Der Experte schrieb 200 Seiten mehr und landete einen großen Wurf. Von Peter Dietrich

Zu Gast bei der Linken in Kirchheim: der Buchautor Winfried Wolf. Foto: Peter Dietrich
Zu Gast bei der Linken in Kirchheim: der Buchautor Winfried Wolf (links) mit dem Bundestagskandidaten Heinrich Brinker. Foto: Peter Dietrich

Am 24. Juli ist das Buch erschienen, in den ersten drei Tagen gingen laut Verlag rund 1 000 Stück weg. Für den ehemaligen Bundestagsabgeordneten Winfried Wolf ist das ein Erfolg. Er hat zwar schon viele Bücher geschrieben, ist aber kleine Auflagen gewohnt. Seine Buchvorstellung in der Kirchheimer Bastion wurde vom Bundestagskandidaten der Linken, Heinrich Brinker, moderiert. Er hatte das Buch am Tag zuvor bekommen und kam sich vor, als lese er „ein Buch über Palermo: Filz, Betrug und Umweltzerstörung; das Einzige, was noch fehlt, ist ein Mord.“

Über Stuttgart 21 und die Protestbewegung gebe es schon einige kleine Bücher, sagte Winfried Wolf, aber noch nichts Rundes, das das gesamte Projekt und die Bewegung darstelle. Diese Gesamtdarstellung hat Winfried Wolf versucht, seine Voraussetzungen sind gut. Zum einen gehörte er schon seit 1995 selbst zu dieser Protestbewegung, schreibt also aus der Innenperspektive. Zum andern hat sich Winfried Wolf bei Bahnfreunden seit Langem einen Namen gemacht. Als Referent war er schon bis nach Peking gefragt.

Nur bei den Oberen der Deutschen Bahn wird der unbequeme Kritiker wenige Freunde haben, was daran liegen mag, dass dort so wenige Eisenbahner arbeiten. Wolf machte dies anhand einiger Lebensläufe deutlich. Was soll ein Bahnmanager, der lieber fliegt? Oder einer, der acht Jahre für die DB-Nachtzüge zuständig war, ohne auch nur ein einziges Mal selbst mitzufahren?

"Stuttgart 21 muss scheitern"

Im Stakkato ging der Autor die vergangenen 13 Monate des S 21-Projekts durch. Er berichtete von Bahnmitarbeitern, die sich aus guten Gründen aus dem Projekt schlichen. Er beschrieb verschiedene Gutachten zu den Gefahren des Anhydrits, zu Mehrkosten und Risiken, die streng geheim waren und es doch nicht lange blieben - selbst wenn sie ganz exklusiv für die Geheimschutzstelle des Deutschen Bundestags gedacht waren. Winfried Wolf bekam sie trotzdem.

Manches dagegen ist für viele ganz offensichtlich: Wenn der Nürnberger Hauptbahnhof 21 Durchfahrtsgleise hat und Karlsruhe 14, liegt die Frage nahe, wie Stuttgart künftig inklusive S-Bahn mit nur zehn Gleisen auskommen soll. Wenn es in Köln durch geneigte Bahnhofsgleise und losrollende Züge regelmäßig gefährlich wird, warum soll das im dreimal so stark geneigten Stuttgarter Tiefbahnhof nicht passieren? In der Summe macht Winfried Wolf bei den Projektplanern „eine Verachtung der Physik und Eisenbahntechnik“ aus. In seinem Buch „abgrundtief und bodenlos“ erklärt er deshalb, dass Stuttgart 21 aus seiner Sicht scheitern muss.

Das wollten die rund 40 Zuhörer genauer wissen: Was versteht er unter Scheitern? „Ich glaube, die kriegen es nicht zu Ende“, antwortete der Autor angesichts baulicher Risiken wie der vielen Tunnel im Anhydrit. Oder der Bau sei fertig, aber der Fahrplan funktioniere nicht. „Die Neubaustrecke nach Ulm ist so steil, dass ICE 1 und 2 sie nicht fahren können, und die angeblichen leichten Güterzüge gibt es nicht.“ Juristisch seien nicht nur die Finanzierungsstreitigkeiten spannend, sondern auch die ausstehende Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig über die Klage der Stuttgarter Netz AG. Sie will einen Teil der oberirdischen Bahnhofsgleise erhalten. „Dann hast du den Kombibahnhof, und das Spekulationsobjekt ist weg.“

Winfried Wolf will mit seinem Buch auch die S 21-Protestbewegung würdigen, die seit sieben Jahren ununterbrochen ihre Mahnwache besetzt hält. Erreicht der Protest, so eine kritische Nachfrage, nicht immer nur die gleichen Leute? „Ich bin Berufsoptimist“, entgegnete der Autor und verwies auf Überraschungen wie beim deutschen Atomausstieg: „Plötzlich passieren Dinge, die keiner gedacht hat.“

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