Kirchheim

Die Revolte von innen

Bastion Peter Schneider liest aus seinem Buch „Rebellion und Wahn“. Er selbst gehörte 1968 zum engen Kreis um Rudi Dutschke. Von Günter Kahlert

Foto: Günter Kahlert
Foto: Günter Kahlert

Es ist die Reise in eine turbulente Zeit. Der Autor Peter Schneider liest im Kirchheimer Club Bastion aus seinem Buch „Rebellion und Wahn“, und es ist viel mehr als eine normale Lesung. Es geht um die 68er: Mythos, Verklärung, Hassobjekt oder was auch immer - je nach persönlicher oder politischer Perspektive. Peter Schneider ist nicht irgendein Literat, der sich mehr oder weniger schlaue Gedanken über das historische Phänomen macht. Er war mittendrin, gehörte damals zum engen Aktivistenkreis um Rudi Dutschke in Berlin.

So sieht also ein „echter“ 68er aus. Da sitzt er mit inzwischen 77 Jahren in der Bastion, ganz entspannt, neben sich Wasser und eine Karaffe Rotwein. Seine Lesung ist alles andere als ein verklärt-nostalgischer Rückblick auf diese Zeit der politischen Revolte. Es sind sehr authentische, persönliche Erinnerungen aus seinen Tagebuch-Aufzeichnungen, die er aus seiner heutigen Sicht klug analysiert und kommentiert. So benennt er klar die wahnhafte Radikalität und ideologische Erstarrung der Aktivisten von damals, sich selbst nicht ausgenommen.

Da ist die erste Demo, in die Schneider zufällig hineingeraten ist. Die war vom SDS (Sozialistischen Deutschen Studentenbund) organisiert und fand am 10. Dezember 1966 statt. Sie richtete sich gegen den Vietnamkrieg. Ein Tannenbaum mit US-Flagge und den Konterfeis des US-Präsidenten Lyndon B. Johnson und des DDR-Machthabers Walter Ulbricht wurde öffentlich verbrannt. Das Besondere: die Demonstranten mischten sich bei Auftauchen der Polizei sofort unter die Passanten, tauchten an der nächsten Ecke wieder auf und wollten so die Staatsmacht vorführen.

„Was mich beeindruckte, war das Überraschende und Theatralische an dieser Straßenveranstaltung“, erinnert sich Peter Schneider. Das Ergebnis waren böse Schlagzeilen quer durch die Republik. Damals habe er gelernt, dass erfolgreicher Protest in einer Mediengesellschaft nur durch Regelverletzung funktioniert. „2 000 friedliche Protestierer gegen den Vietnamkrieg einige Tage vorher waren den Zeitungen keine Zeile wert, 200 Randalierer beherrschten dagegen die Blätter“, erinnert sich der Autor. Das funktioniere bis zum heutigen Tag, die AfD beispielsweise spiele perfekt auf dieser Klaviatur.

Rudi Dutschke übernahm die Taktik des SDS. „Ohne Provokation werden wir überhaupt nicht wahrgenommen“, lautete sein Merksatz, der die folgenden Jahre der Rebellion prägte. „Die Bewegung verlor ihre Unschuld“, schildert Schneider rückblickend die Ereignisse.

Aus der Kreativität der Anfangszeit wurde Dogmatik und radikaler Hass. Pfiffige Sprüche wie „Unter den Talaren - Muff von 1 000 Jahren“ gab es nicht mehr. Plötzlich musste eine große Organisation her und die alte, tote Sprache der kommunistischen Partei wurde wieder ausgegraben, erzählt er. „Ein Glück, dass wir nie die Macht übernommen haben“, meint Peter Schneider rückblickend. Er erklärt das mit dem gefährlichen „politischen Rausch“ in den viele geraten seien. „Es gab Kader und Komitees, es gab Verräter und Denunziation. Es hätte nach einer Machtergreifung ganz sicher auch Schüsse gegeben“, analysiert er hart.

Peter Schneider kehrt seine eigene Rolle keineswegs unter den Tisch. „Ich war schon ziemlich radikal und das sage ich ohne Stolz“, räumt er im Gespräch ein. „Ich habe im Laufe einer Selbstmanipulation und einer Fremdmanipulation in den Jahren 1968/69 Dinge geschrieben, die völlig unhaltbar sind.“ Eine Frage hat er sich später immer wieder gestellt: „Wie kann eine Sache, die so gerecht und notwendig angefangen hat, so schrecklich schnell umschlagen?“ Seine Erklärung: Gruppen-Konsens. „Hier sind meine Leute, da gehöre ich dazu und jetzt gehorche ich dem, was die Gruppe von mir verlangt.“ Da, so Schneider könne man alles daraus machen, Nazis, Kommunisten, Terroristen - es sei immer derselbe Mechanismus.

Die eigentliche Leistung der 68er

„Links“ ist Peter Schneider immer noch. „Ich bin linker Anti-Kommunist“, definiert er in der Diskussion nach der Lesung seine eigene Position. Seiner Ansicht nach ist der wachsende Unterschied zwischen Arm und Reich das zentrale Thema unserer Zeit. Dafür allerdings brauche man keine Ideologie. Die Positionierung zu Sozialismus, Kapitalismus, Markt oder staatlicher Steuerung sei in diesem Fall völlig irrelevant.

Die 68er seien in Wirklichkeit gar nicht so sehr eine politische Bewegung gewesen, wie es heute manchmal wahrgenommen wird. Es sei vor allem eine Bewegung gewesen, die ein neues Leben wollte und durchgesetzt habe. „Es sind die Lieder, es sind die Klamotten, das Verhältnis zu den Eltern, der Umgang mit der Sexualität, die Kindererziehung. Man wollte alles verändern und hat es auch getan.“ Das sei eigentlich die größte Leistung der 68er-Generation.

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