Kirchheim

„Die sollen keinen Blödsinn machen“

In Kirchheim lebende Engländer sehen den „Brexit“ eher kritisch

Am morgigen Donnerstag stimmen die Briten über den Brexit ab, den Ausstieg aus der EU. Viele in Kirchheim stehen dem Entscheid kritisch gegenüber.

„Die sollen keinen Blödsinn machen“
„Die sollen keinen Blödsinn machen“

Kirchheim. Erstes Aufatmen für die Briten: Bei der EM 2016 in Frankreich gibt es vorerst keinen Brexit. Mit dem 0:0 gegen die Slowakei sicherten sich Wayne Rooney und Co. hinter Wales den zweiten Tabellenplatz für England in der Gruppe B und damit den Einzug ins Achtelfinale der Fußballeuropameisterschaft.

Auf der Insel aber brodelt es gewaltig. Die Meinungen gehen zum Teil meilenweit auseinander. Der Stimmenfang ist in der heißen Phase. Bei den Briten in Kirchheim gibt es jedoch eine klare Richtung: Sie sprechen sich für den Verbleib in der EU aus. Der Teckbote fragte nach.

Jennifer Fick bedauert es, dass sie kein Wahlrecht mehr in England hat. „Die sollen in der EU bleiben und keinen Blödsinn machen“, ärgert sie sich. Sie sieht den Ausstieg als großen wirtschaftlichen Nachteil. Zudem haben sich die Schotten erst kürzlich für die Zugehörigkeit zum Vereinigten Königreich entschieden. „Es wäre ja Betrug an den Schotten, jetzt auszusteigen.“ In Schottland werden eh die meisten für den Verbleib in der EU stimmen, vermutet sie.

Jennifer Fick ist in England nahe der Grenze zu Wales geboren und aufgewachsen. Nachdem sie einige Jahre in London verbracht hat, lebt sie jetzt schon lange Zeit in Kirchheim. Sie hofft, dass der schreckliche Mord an der Labour-Abgeordneten Jo Cox die erhitzten Gemüter abkühlt und sich dadurch ein Stimmungswechsel durchsetzt. „Ich bin sehr gespannt, wie die Engländer abstimmen, hoffentlich richtig.“ Mal abwarten und Tee trinken.

Deutliche Worte findet Harry D. Bath zu Thema Brexit: „Der ganze Wahlkampf ist schlecht und unerfreulich.“ Das Vertrauen in die Politik wird mit dem bekannten Vorgehen nicht gerade erhöht, schimpft Bath. Er ist im südenglischen Portsmouth geboren, lebt aber seit 40 Jahren in Deutschland. Auf die Abstimmung wartet er mit Spannung. „In England ist es leicht, mit einschlägigen Parolen die Menschen zu überzeugen.“ Die meiste Zeit geht es ums Geld. Viele Themen werden gar nicht erst angesprochen.

David Cameron hat sich mit seiner Aussage „wenn es genug Stimmen gibt, haben wir ein Referendum zum Ausstieg“ selber ein Ei gelegt. Nun sind die Stimmen alle da, und er muss das Volk abstimmen lassen. „Es ist schlimm, wenn die Menschen nicht überlegen“, sinniert Harry D. Bath, „sie lassen sich zu schnell einlullen.“ Es muss ja nicht immer „Britain first“ heißen.

Bath sagt, dass er überzeugter Europäer ist. „Es würde mich im Herzen schmerzen, wenn meine Landsleute entscheiden, die EU zu verlassen.“ Es gibt einen positiven Aspekt, sagt Bath lachend: Wenn England nicht mehr zur EU gehört, kann Europa nicht weiter Schuld an den englischen Prob­lemen sein. „Da können sie dann die Suppe selber auslöffeln“ – oder den Tee.

Constanze Jungbauer, eine der „Tee-Schwestern“, wie sich ihr Laden in Kirchheim nennt, hält nichts von der Abspaltung der Briten. „Die schaden sich doch selber, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch.“ Sie überlegt, dass wohl der Preis der englischen Süßigkeiten, die beim „Afternoon Tea“ obligatorisch sind, nach oben schnellen könnte. Die beiden Schwestern haben schon einen Plan  B in petto: „Wenn die Waren übermäßig teuer werden, kaufen wir nicht mehr in England ein; dann backen wir selber.“ Mit dem Shortbread – einem süßen Mürbeteiggebäck – haben Constanze Jungbauer und ihre Schwester Isabel ­Ruoff gute Erfahrungen gesammelt.“

Es gibt durchaus noch Briten, die den Tee im Fachgeschäft kaufen. Aber längst hat der simple Teebeutel die offene Mischung und das Tee-Ei abgelöst. „Aber Milch,“ sagt Constanze Jungbauer, „kommt immer in den Tee. Selbst da, wo es nach unserem Gusto gar nicht passt.“ Sie verfolgt die Abstimmung am Donnerstag mit Interesse und hofft, dass sich die Engländer mit dem richtigen Entscheid den Appetit auf Tee und Shortbread versüßen.

Und wie sagt es der vornehme Brite: „Wait and see – and take a tea!“

Stadtkapelle Weihnachtskonzert Stadthalle, Jugendkapelle, Leitung Harry D. Bath
Stadtkapelle Weihnachtskonzert Stadthalle, Jugendkapelle, Leitung Harry D. Bath
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