Kirchheim

Die Stadt wird das Wachthaus nicht verkaufen

Baudenkmal Die Sanierung, die 2022/23 anstehen soll, kostet rund zwei Millionen Euro. Möglicherweise verschwindet das Fachwerk dann unter Putz. Von Andreas Volz

Ein gewohnter Anblick, der in ein paar Jahren der Vergangenheit angehören könnte: Sichtbares Fachwerk am Kirchheimer Wachthaus.
Ein gewohnter Anblick, der in ein paar Jahren der Vergangenheit angehören könnte: Sichtbares Fachwerk am Kirchheimer Wachthaus. Bei der Sanierung könnte die Fassade verputzt werden. Foto: Markus Brändli

Das Wachthaus bleibt im Besitz der Stadt Kirchheim. Das hat der Gemeinderat mit deutlicher Mehrheit beschlossen. Weniger deutlich ist, wann genau die dringend notwendige Sanierung des stadtbildprägenden Gebäudes beginnt. Nur so viel ist klar: Im Raum stehen Kosten von etwa zwei Millionen Euro, die allerdings im Doppelhaushalt für 2020 und 2021 noch nicht vorgesehen sind.

Silvia Oesterle, die Leiterin der Abteilung Gebäude und Grundstücke, berichtete im Gemeinderat vom „bedenklichen Zustand der hölzernen Tragkonstruktion“. Deswegen müsse die Sanierung zeitnah erfolgen. Dem Landesamt für Denkmalpflege gehe es darum, das Gebäude zu erhalten und zu konservieren. Um den Erhalt des sichtbaren Fachwerks gehe es ausdrücklich nicht: „Das Wachthaus hatte ursprünglich kein Sichtfachwerk. Es handelte sich um ein Amtsgebäude mit klassizistischer Prägung.“

Derzeit sei mit 1,7 Millionen Euro Sanierungskosten zu rechnen. Weil aber frühestens 2022 Gelder für die Sanierung bereitstehen, sei bis dahin mit Preissteigerungen auf rund zwei Millionen Euro zu rechnen. Die maximale Förderhöhe liege bei 500 000 Euro. Da etliche Einzelgewerke nur begrenzt förderfähig sind, rechnet die Stadt Kirchheim nicht mit einem allzu hohen Zuschuss.

Stadtrat Michael Attinger (Grüne) sprach von gemischten Gefühlen in seiner Fraktion: „Das Wachthaus spielt eine herausragende Rolle in unserer Stadt - als Gebäude und mit seiner gastronomischen Nutzung. Das sollten wir nicht verlieren. Wir sollten uns aber auch den städtischen Einfluss nicht aus der Hand nehmen lassen.“ Die Sanierungskosten werde die Stadt also aufbringen müssen.

Der CDU-Fraktionsvorsitzende Dr. Thilo Rose plädierte ganz klar für einen Verkauf: „Ein Gaststätten- und Biergartenbetrieb gehört nicht zu den Aufgaben der Stadt.“ Den Denkmalschutz wollte er auch nicht als Argument gegen den Verkauf gelten lassen: „Genau deswegen kann es ja ein neuer Eigentümer auch nicht einfach gravierend verändern oder abreißen.“

Kirchheimer Herzenssache

Als „Herzensangelegenheit vieler Kirchheimer“ bezeichnete Ralf Gerber (Freie Wähler) das Wachthaus: „Deswegen sollte es auch weiterhin der Stadt und damit den Kirchheimern gehören.“ Wenn die Sanierung sich wirtschaftlich nicht mehr rechnen lasse, könne ein neuer Eigentümer das Gebäude sehr wohl abreißen, weil die Denkmaleigenschaft nicht mehr so hoch gewichtet wird.

Auf einen besonderen Denkmalwert hob Andreas Kenner (SPD) ab: auf den als literarisches Denkmal. „Die Stadt muss ganz sicher keinen Biergarten betreiben. Aber sie sollte sich darum kümmern, ein historisches Gebäude zu erhalten, das schon Hermann Hesse beschrieben hat - als eines der wenigen, die noch vorhanden sind, wenn schon der alte Bahnhof und die alte Alleenschule weg sind.“ Das Wachthaus gehöre zu den wichtigen Gebäuden, wegen denen Touristen nach Kirchheim kommen. Unter anderem deswegen kann sich Andreas Kenner ein verputztes Wachthaus „nur sehr schwer vorstellen“.

Letzteres sei aber durchaus denkbar, erwiderte Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker, die dabei auch auf den späteren Literaturnobelpreisträger einging: „Hermann Hesse hat das Wachthaus sicher nicht als Fachwerkhaus beschrieben, weil es zu seiner Zeit noch verputzt war.“

Ob verputzt oder nicht - in neuem Glanz wird das Wachthaus frühestens 2023 erstrahlen.

Kommentar: Sorgt Putz für Schutz?

Der Verweis auf Hermann Hesse ist ein zweischneidiges Schwert: Das Kirchheimer Wachthaus mag er beschrieben haben, ein Fachwerkhaus im heutigen Sinne aber nicht. Das Wachthaus ist eben nur von der Konstruktion her ein Fachwerkhaus. Wer sich die Balken genauer anschaut, merkt sofort, dass sie nur für ihre statische Funktion bearbeitet worden sind - nicht aber, weil sie eine Zierde sein sollten.

Nach Jahrzehnten der Freilegung aller Fachwerke scheint jetzt ein Umdenken einzusetzen: So heimelig die Fachwerkfassaden mit dem freigelegten Holz auch wirken mögen, so wenig dürften sie dauerhaft Wind und Wetter trotzen können.

Wenn nun nach und nach alle Fachwerkfassaden unter Putz zu verschwinden drohen, wird sich das Stadtbild Kirchheims dras­tisch ändern. Fürs erste aber könnte der Putz trotzdem ein guter Schutz für die historische Bausubstanz sein: Sie bleibt wohl besser unter einem Putz bewahrt, als dass man sie komplett verfallen lässt. Dann bleibt eines Tages nämlich nur der Abriss.

So aber besteht die Möglichkeit, dass irgendwann einmal neue Techniken entwickelt werden, wie sich Holz und Putz verbinden lassen, ohne dass die Substanz darunter leidet. Dann könnte nach einer Ära des Verputzens wiederum eine des Freilegens kommen. Schließlich verhält es sich mit Gebäuden nicht viel anders als mit der Kleidung: Moden kommen und gehen - und sie wiederholen sich.

Zurück zu Hesse, der Kirchheim einst als Kastanienstadt beschrieben hat. Auch das ist heute ein Problem: Die Kastanien vertragen das Klima kaum mehr. In diesem Fall aber taugt Verputzen sicher nicht als Zwischenlösung.

Andreas Volz

Anzeige