Kirchheim

Die Taschengeldbörse verbindet in Nabern Alt und Jung

Generationenbrücke Die Taschengeldbörse soll Nabern zusammenbringen: Wer Unterstützung im Haus braucht, dem stehen elf engagierte Teenager zur Seite. Das Projekt ist für den Ehrenamtspreis nominiert. Von Katharina Daiss

Dorothee Lilienthal, Carina Melzer, Jenny Haas, Yasmin und Julian Marx mit Baby Leano sowie Hannah Gläser wollen mit der Taschengeldbörse eine Brücke zwischen den Generationen schaffen. Foto: Markus Brändli

Eine Brücke zwischen den Generationen schlagen – das ist der Grundgedanke der Taschengeldbörse. Das Prinzip des Projekts, das in Nabern vom „BürgerNetz“ ins Leben gerufen wurde: Die Jugend setzt sich für die älteren Menschen im Dorf ein. „Bevor Corona kam, wollten wir erst ein Jugendforum veranstalten. Dann versank leider alles im Corona-Winterschlaf. Der Wunsch, dass wir etwas mit den Jugendlichen aufbauen, blieb. So entstand der Gedanke, in Nabern eine Taschengeldbörse ins Leben zu rufen“, erinnert sich Dorothee Lilienthal vom „BürgerNetz“. Gemeinsam mit Julian und Yasmin Marx, Clarissa Bay, Birgit Kremser und Ortsvorsteher Giacomo Mastro gehört die Nabernerin zu den „Erwachsenen“ des Projekts. Über das Naberner Mitteilungsblättle und Flyer machten sie sich dann auf die Suche nach Jugendlichen. „Mit zwei haben wir gerechnet, sieben haben sich angemeldet. Das Ganze fand noch komplett unter Coronabedingungen statt“, berichtet Yasmin Marx. Besonders in Erinnerung bleibt der jungen Mutter, wie motiviert die Teenager waren – und weiterhin sind.

Unter den Jugendlichen ist auch Jenny Haas. Gemeinsam mit zwei Freundinnen ging sie zum ersten Treffen der Naberner Taschengeldbörse. Vor Ort erwartete das Trio eine große Überraschung: An allen Ecken und Enden musste noch gearbeitet werden, der erste „Job“ lag da noch in weiter Ferne. Doch die Teenager ließen sich nicht abschrecken, packten mit an. Gemeinsam mit den Erwachsenen haben sie auch Kontakt zu anderen Städten aufgenommen, um zu sehen, wie andernorts das Konzept umgesetzt wird. Im Winter 2021 war es endlich so weit: Der erste „Job“ stand an. Die Aufregung war groß. Doch wer der mittlerweile elf Teenager sollte ihn übernehmen? Am Ende fiel die Wahl auf Carina Melzer. Die junge Nabernerin sollte bei einem älteren Herrn Laub rechen. „Ich war zuerst nervös, aber der Mann war sehr nett“. Die Aufgabe fiel der 19-Jährigen nicht schwer.

Mindestens acht Euro gibt es für die Teenager pro Stunde von ihren Auftraggebern. Julian Marx erklärt, dass die Gegenleistung in Form eines Obolus den Auftraggebern auch die Scheu nimmt, um Hilfe zu bitten. Doch das Geld wird für Carina Melzer schnell zur Nebensache: „Ich habe mich viel mehr darüber gefreut, dass ich eine gute Tat vollbracht habe. Und man kommt mit den Menschen ins Gespräch“. Dem kann Hannah Gläser nur zustimmen: Die 18-Jährige hat vor ein paar Monaten die Regenrinne eines älteren Ehepaars von Saharastaub befreit. „Sie konnten das nicht mehr selbst machen. Der Staub hätte die Regenrinne allerdings verstopfen können. Sie hätten richtige Probleme kriegen können – und ich konnte ihnen so einfach helfen“, sagt sie bewegt.

 

Ich habe mich viel mehr darüber gefreut, dass ich eine gute Tat vollbracht habe.
Carina Melzer
Für die 19-Jährige wird das
„Taschengeld“ zur Nebensache. 

 

„Die Taschengeldbörse steht jedem zur Seite, der im Alltag Hilfe braucht – ob Rasen mähen, Saharastaub entfernen, Unkraut jäten oder Gassi gehen“, erklärt Jenny Haas. Sie betont allerdings, dass keine regelmäßigen Einsätze gedacht sind. Auch junge Familien nehmen die Taschengeldbörse in Anspruch und finden in den Jugendlichen Babysitter oder Helfer beim Einkauf. Während ihrer „Jobs“ – aber auch bei der Organisation und dem Aufbau des Projekts – werden die Jugendlichen selbstbewusster und selbstständiger. „Dabei ist jeder anders – und alle sind so in Ordnung, wie sie sind. Nicht alle müssen alles können, aber jeder und jede hat ein Talent, das in das Projekt und die ‚Jobs‘ mit einfließt. Wir brauchen keine Helden: Es hängt nicht an einer Person, die Taschengeldbörse ist ein Netz“, sagt Julian Marx.

Ein weiterer Effekt: „Menschen, die früher für mich Fremde waren, grüßen jetzt. Es ist ein neues Gefühl im eigenen Ort: Man ist mehr mit der Gemeinschaft verbunden“, sagt Carina Melzer. „Wir kommen ins Gespräch mit den Leuten, denen wir helfen. Es ist die perfekte Brücke“, ergänzt Hannah Gläser. „Darum heißt das Projekt vollständig ‚Generationenbrücke-Taschengeldbörse‘ “, sagt Dorothee Lilienthal. Dabei ist den Verantwortlichen vom „BügerNetz“ wichtig, dass sie den Teenagern eine Unfall- und Haftpflichtversicherung bieten können. Das Projekt aus Nabern, das in der Aufbauphase von der „Demokratie leben“ gefördert wurde, hat mittlerweile eine Vorbildrolle eingenommen: „Andere Nachbarschaftsnetzwerke sind aufmerksam geworden und trippeln schon mit den Füßen“, freut sich Julian Marx. „Wir zeigen den interessierten Gemeinden gern, was wir aufgebaut haben“, sagt Carina Melzer.

Eins ist allerdings klar: Die Erwachsenen haben längst das Steuer nicht mehr in der Hand. „Ich kenne nicht einmal mehr die Namen der Auftraggeber“, sagt Julian Marx schmunzelnd. „Den Jugendlichen ist der Datenschutz sehr wichtig“, ergänzt Dorothee Lilienthal stolz.

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