Kirchheim

Die zweiGesichterdes Arbeitsmarkts

Konjunktur Die Beschäftigungssituation in den Landkreisen Esslingen und Göppingen zeigt leichte Eintrübungen – aber nur in bestimmten Branchen. Von Thomas Zapp

Die zwei Gesichter des Arbeitsmarkts. Symbolbild
Die zwei Gesichter des Arbeitsmarkts. Symbolbild

Die Stimmung war schon einmal besser in der deutschen Wirtschaft, und entsprechend schwächelt auch der Arbeitsmarkt. Aber noch gibt es keinen Grund zur Panik. Für den Stichtag 30. Juni 2019, dessen Zahlen jetzt herausgekommen sind, vermeldet die Agentur für Arbeit im Bezirk Esslingen und Göppingen sogar einen leichten Zuwachs an Beschäftigung. Allerdings spricht die Vorsitzende der Geschäftsführung für den Bezirk, Thekla Schlör, von „zwei Gesichtern“. Das freundliche Gesicht zeigen die Branchen wie Information und Kommunikation mit einem Plus von 546 Beschäftigten oder die öffentliche Verwaltung mit plus 509 Beschäftigten im Vergleich zu 2018.

Wer aber in der Metall-, Elektro-, Konsumgüter- und Stahlindustrie arbeitet, sieht in ein unfreundliches Gesicht. Dort sind bis zum Stichtag insgesamt 1 336 Menschen weniger beschäftigt gewesen als im Vorjahreszeitraum. Für diese Branchen nehmen die Verantwortlichen der Arbeitsagentur bereits das Wort „Krise“ in den Mund. Auch in der Zeitarbeit gibt es weniger Beschäftigte. Das ist aber logisch: Dort wird zuerst gespart, wenn es nicht mehr ganz so gut läuft.

Die Entwicklung des Arbeitsmarkts in den einzelnen Bereichen

So ist auch die Zahl der Arbeitslosen in den Landkreisen über das gesamte Jahr 2019 leicht gestiegen, von 14 214 Menschen auf 14 733, was einer Erhöhung der Quote von 3,2 auf 3,3 Prozent entspricht. „Göppingen und Esslingen sind traditionell stärker abhängig vom verarbeitenden Gewerbe, der Auto- und Zuliefererindustrie, als andere Landkreise“, Bettina Münz, Geschäftsführerin des Agenturbezirks Göppingen. Damit lasse sich auch erklären, dass zum Beispiel Stuttgart sogar einen leichten Rückgang der Arbeitslosigkeit um 0,1 Prozent verzeichnet und Ludwigsburg 0,2 Prozent. In den beiden Großstädten ist der Dienstleistungssektor deutlich stärker ausgeprägt.

Auf hohem Niveau

Ein weiterer Indikator für die Entwicklung des Arbeitsmarktes ist die Menge an Stellenangeboten. Und auch hier gibt es laut Thekla Schlör eine „Delle“: Von 11 810 offenen Stellen ging die Zahl 2019 auf 10 194 zurück. Allerdings bewegt man sich immer noch auf einem hohen Niveau. „Wenn man die Zahl mit der Zeit vor 2016 vergleicht, liegen wir immer noch darüber“, ordnet die Vorsitzende die neuen Daten ein.

Dasselbe gilt auch für den Stimmungs-Indikator der deutschen Wirtschaft schlechthin: die Zahl der Betriebe, die Kurzarbeit angemeldet haben. Zwar zeigt die Tendenz im Vergleich zu 2018 nach oben. Aber nimmt man das Krisenjahr 2009 mit 891 Betrieben zum Vergleich, sind das bei 42 Unternehmen lediglich fünf Prozent im Vergleich zu damals. „Allerdings bezieht sich der Wert nur auf das erste Halbjahr 2019. Im zweiten Halbjahr ist er sicher noch einmal gestiegen“, sagt Thekla Schlör.

Geht es um die Prognose für 2020, sagt die Bezirksvorsitzende der Arbeitsagentur einen weiteren „leichten Anstieg“ der Arbeitslosigkeit voraus. Erhalten bleibt den Landkreisen auch 2020 der Mangel an Fachkräften. „Besonders im Handwerk, in der Pflege oder der Gastronomie macht sich der bemerkbar“, sagt sie. Wichtig sei auch nach wie vor, sich weiterzubilden, Stichwort: lebenslanges Lernen. „Qualifizierung bleibt das Gebot der Stunde.“ Es gebe mittlerweile viel mehr Möglichkeiten, Fortbildungen zu finanzieren als früher, betont Thekla Schlör. Gerade Qualifikationen, die durch den Strukturwandel nötig werden, kann die Arbeitsagentur fördern - je nach Firmengröße bis zu 100 Prozent.

Für die Zukunft ist Thekla Schlör optimistisch, dass es kein Comeback der gefürchteten Massenarbeitslosigkeit geben wird, im Gegenteil. „Da läuft schon die Demografie dagegen. Jetzt gehen die Babyboomer raus, da werden wir mehr Zuwanderung brauchen, um die Löcher zu stopfen“, ist sie sicher. Denn die Zeit drängt: „Wer jetzt nicht geboren ist, wird dem Arbeitsmarkt nicht vor 20 Jahren zur Verfügung stehen.“ Zum Thema Digitalisierung glaubt sie zwar, dass in vielen Branchen in Zukunft viele Arbeitsplätze wegfallen. Aber es werde auch viele neue geben, denn auch Maschinen müsse jemand eingeben, was sie tun sollen.

Anzeige