Kirchheim

Diese Art der Gemeinschaft ist richtig stark

Betreuung Der Verein „Gemeinsam statt einsam“ mietet im Steingau-Quartier ein Stockwerk an – für acht Menschen mit Demenz-Erkrankung. Von Andreas Volz

Mitarbeit im Haushalt, aber auch gemeinsames Feiern und Singen strukturieren den Alltag in der Demenz-WG des Kirchheimer Vereins
Mitarbeit im Haushalt, aber auch gemeinsames Feiern und Singen strukturieren den Alltag in der Demenz-WG des Kirchheimer Vereins „Gemeinsam statt einsam“. Fotos: pr

Eine WG ist nichts Ungewöhnliches mehr. Längst ist diese Wohnform etabliert - vor allem unter jüngeren Leuten und in Universitätsstädten. Praktisch daran ist, dass man sich die Miete ebenso teilt wie die Gemeinschaftsräume. Probleme gibt es allenfalls beim Putzplan, bei der Nebenkostenabrechnung - und bei Partys.

In der Demenz-WG des Kirchheimer Vereins „Gemeinsam statt einsam“ sind die Vorteile dieselben - und um die Probleme kümmert sich der Verein. Die Bewohner selbst wären dazu kaum mehr in der Lage: Grundvoraussetzung für die Aufnahme in die Wohngemeinschaft ist eine diagnostizierte Demenz, erläutert Monika Schober, die hauptamtlich für die Gesamtleitung zuständig ist.

Putzen, Kochen, Wäschewaschen sind - im Rahmen ihrer Möglichkeiten - die Aufgaben der Bewohner, die pro Schicht mit jeweils zwei Alltagsbegleitern zusammenarbeiten. Monika Schober berichtet aus dem Alltag: „Bei uns wird immer gemeinsam gekocht. Die Bewohner schnippeln am Tisch, und wer Lust hat, kann auch in die Küche gehen, um etwas umzurühren oder wenigstens beim Kochen zuzuschauen.“ Tisch decken, die Spülmaschine ein- und ausräumen, Wäsche zusammenlegen: Auch das wird gemeinsam erledigt. „Ein Großteil der Tage ist mit Haushalt ausgefüllt, wie zuhause auch.“ Das gibt dem Leben eine Struktur, trotz Demenz. Und es sind Tätigkeiten, die sich häufig noch automatisch abrufen lassen.

Das Kochen vor Ort kann aber auch noch ganz andere Dinge anregen, wie Monika Schober berichtet: „Wir haben einen Bewohner, der nicht mehr selbständig gegessen hat, als er zu uns kam. Jetzt kann er es wieder, und wir gehen davon aus, dass das auch mit dem Duft aus der Küche zu tun hat.“

Was ist mit den anderen Problemen des Alltags? Um die Neben­kos­ten kümmert sich der Verein, und Partys sind nicht mehr das Hauptanliegen der WG-Bewohner. Sie brauchen aber ständig Betreuung. Dafür gibt es zum einen die Alltagsbegleiter in der Früh- und in der Spätschicht und zum anderen eine Nachtbereitschaft. Tagsüber ist außerdem ein ambulanter Pflegedienst mit an Bord.

Angehörige helfen mit

Auch die Angehörigen sind eingebunden, denn entstanden sind sowohl die WG als auch der Verein vor 15 Jahren aus dem Wunsch von Angehörigen, dass Vater, Mutter oder Ehepartner gemeinsam gut betreut und versorgt werden. Wer also zu Besuch kommt, schaut automatisch auch nach den anderen Bewohnern. Und der Besuch erfolgt alles andere als sporadisch. Der regelmäßige Besuch ist Teil des Gesamtkonzepts.

„Die Mitgliedschaft im Verein ist stark erwünscht, wenn jemand Angehörige bei uns hat“, sagt Vorstandsmitglied Gerhard Thrun. Monika Schober ergänzt: „Das ermöglicht den Angehörigen auch ganz andere Mitspracherechte.“ Zum Kostenpunkt sagt sie, dass Miete oder Nebenkosten ja auch zuhause anfallen würden, wie auch die Kosten fürs Essen. Pflegekosten werden je nach Einstufungsgrad übernommen, sodass noch die Kosten für die Betreuung bleiben. Monika Schober rechnet vor: „Wer zuhause eine Betreuungskraft hat, zahlt die ja auch.“

Unterm Strich bleibt also der Vorteil der WG: Man hat Anschluss und Gesellschaft - die Mitbewohner, das Personal und die Besucher. Der Einsamkeit entgegenwirken zu wollen, ist also nicht nur so dahergeredet im Vereinsnamen. Damit die Gruppe nicht zu groß wird und vor allem für die Bewohner überschaubar bleibt, liegt die Zahl der Bewohner bei acht. Das hat sich in den vergangenen 15 Jahren bestens bewährt.

Erfolg führt zur Erweiterung

Nun kommt allerdings eine ganz neue Schwierigkeit hinzu: der große Erfolg. Auf der Warteliste sind immer um die 15 Personen. Es drängen also fast doppelt so viele Bewerber nach, wie überhaupt aufgenommen werden können. Da will der Verein nun Abhilfe schaffen - und die Anregung dazu kam von außen. Die Firma Dyck Bauen und Wohnen arbeitet im Steingau-Quartier an einem Projekt mit dem Namen „Mittendrin“. Inge Mess berichtet, wie sie auf die Demenz-WG aufmerksam wurde: „Eine Freundin hat mir erzählt, dass ihre Mutter auf der Warteliste ist und dass sie sie sehr gerne in der WG unterbringen würde. Ich habe meinen Chef gefragt und dabei gleich offene Türen eingerannt.“

So bekommt der Verein nun einen zweiten Standort außer in der Hindenburgstraße: Im Steingau-Quartier entsteht eine Wohnung mit rund 300 Quadratmetern. Acht Einzelzimmer stehen den künftigen Bewohnern zur Verfügung. Dazu kommen Küche, Wohn- und Essbereich. Im Gebäude gibt es auch ganz „normale“ Wohnungen sowie ein integratives Café im Erdgeschoss. Die neuen Bewohner der Demenz-WG sollen also wirklich „mittendrin“ wohnen: in ihrem Haus, aber auch in ihrem Quartier.

Die Bewohner der ambulanten Wohngemeinschaft für Demenz ­¿Gemeinsam statt Einsam¿ haben sich zum wiederholten Male über ein kurz
Die Bewohner der ambulanten Wohngemeinschaft für Demenz ­¿Gemeinsam statt Einsam¿ haben sich zum wiederholten Male über ein kurzweiliges Konzert auf der haus­eigenen Terrasse gefreut. Begleitet von Gitarrenmusik sangen alle Erkrankten rund eine Stunde lang bekannte Lieder und Melodien. Organisiert wurde das kleine Konzert durch die Sanwald Stiftung

Einzugstermin und Kontakt zum Verein

Der Einzug in die neue WG ist für Ende Januar 2021 vorgesehen. Wer weitere Informationen wünscht, kann sich unter der Adresse schober.gemeinsam.statt.einsam@gmail.com bei Monika Schober melden. Auch Besichtigungen der Baustelle sind nach Absprache möglich. vol

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