Kirchheim

Doktorspiele sind nicht immer harmlos

Missbrauch Unter Kindern kann es zu sexuellen Handlungen kommen, die nicht immer einvernehmlich sind. Das zeigen Fälle, mit denen die Expertinnen der Kirchheimer Beratungsstelle Kompass zu tun haben. Von Daniela Haußmann

Angelika Schönwald-Hutt und Katja Englert (von links) vom Kompass in Kirchheim wissen, wie man mit Kindern umgehen sollte, die s
Angelika Schönwald-Hutt und Katja Englert (von links) vom Kompass in Kirchheim wissen, wie man mit Kindern umgehen sollte, die sexuelle Handlungen verübt oder erlitten haben. Foto: Daniela Haußmann

Sexuell motivierte Übergriffe verüben nicht nur Erwachsene. Auch unter Kindern kann es zu Grenzverletzungen kommen. Allen Vorurteilen zum Trotz beschränkt sich das Phänomen nicht nur auf Jungs. Studien zeigen, dass der Anteil verhaltensauffälliger Mädchen in etwa dem der Jungen entspricht. Erfahrungen, die auch Angelika Schönwald-Hutt und Katja Englert von Kompass Kirchheim machen. Die Beratungsstelle, die auf sexualisierte Gewalt spezialisiert ist, verzeichnete in den vergangenen fünf Jahren einen Anstieg von Fällen. 2019 waren es zuletzt 146 Anfragen von Kindern und Jugendlichen, 54 Anfragen bei den Erwachsenen. Sexuelle Übergriffe unter Kindern im Alter bis 14 Jahren bilden nun mit 24 Fällen den dritthäufigsten Beratungsanlass nach Vermutungsklärungen und sexuellem Missbrauch.

Doch worum geht es, wenn von sexuellen Grenzverletzungen unter Kindern die Rede ist? Ein solcher Übergriff liegt laut Angelika Schönwald-Hutt dann vor, wenn ein Kind das andere zu sexuellen Handlungen zwingt, das betroffene Kind sie unfreiwillig duldet oder sich unfreiwillig daran beteiligt. Die Fälle, die die Kompass-Leiterin und ihr Team in diesem Zusammenhang bearbeiten, sind breit gefächert. Sie reichen von Kindern, die beispielsweise im Beisein anderer mit Objekten masturbieren, bis hin zur oralen, analen und vaginalen Penetration anderer Kinder mit Geschlechtsteilen oder Gegenständen. Katja Englert betont aber auch, dass derartige Auffälligkeiten die Ausnahme sind. Die Psychotherapeutin weist darauf hin, dass es normal ist, dass Kinder im Verlauf ihrer Entwicklung ihre Sexualität erforschen. Sprich: Nicht jede ­sexuelle Handlung ist eine Grenzverletzung, sondern kindliche Neugier.

Die Gründe für sexuelle Grenzübertritte sind Englert zufolge vielschichtig: „Die Kinder können selbst Opfer sexualisierter Gewalt sein. Mit ihrem Verhalten versuchen sie, in einer als feindlich erlebten Welt ihr Bedürfnis nach Geborgenheit, Nähe oder Aufmerksamkeit zu stillen.“ Aber auch traumatische Belastungen, wie sie etwa infolge von psychischer, physischer und sexualisierter Gewalt entstehen, können zu Aggressionen und Grenzüberschreitungen führen. Die Ohnmacht und Hilflosigkeit, die die Betroffenen erleben, versuchen sie nach Auskunft von Angelika Schönwald-Hutt durch ein Verhalten zu kompensieren, das ihnen das Gefühl von Macht, Überlegenheit und Kontrolle gibt. Auch familiäre Faktoren können die Wahrscheinlichkeit sexueller Verhaltensprobleme erhöhen, so etwa Vernachlässigung, eine gestörte Eltern-Kind-Beziehung oder der Umstand, dass Kinder in der Familie mit sexuellem Verhalten konfrontiert sind, das für ihr Alter völlig unangemessen ist, sagt Schönwald-Hutt.

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