Kirchheim

„Drücken, bis der Rettungsdienst kommt“

Reanimation Das Esslinger Gesundheitsamt macht Werbung für tatkräftige Hilfe an Bewusstlosen: Das einzige, was man falsch machen kann, ist nichts tun. Von Andreas Volz

Holzmadens Bürgermeisterin Susanne Jakob übt sich unter Anleitung von Thorsten Lukaschewski in der Reanimation.Foto: Jean-Luc Ja
Holzmadens Bürgermeisterin Susanne Jakob übt sich unter Anleitung von Thorsten Lukaschewski in der Reanimation.Foto: Jean-Luc Jacques

Was tun, wenn‘s brennt? Ganz klar: Man wählt die 112. Was tun, wenn jemand plötzlich umfällt oder bewusstlos zusammensackt? Genau dasselbe: Man wählt die 112. Europaweit ist die 112 die gemeinsame Rettungsnummer - egal ob es um die Feuerwehr geht oder um einen medizinischen Notfall.

Den Notruf abzusetzen, ist aber nicht das einzige, was es zu tun gibt. So wie man im Brandfall versuchen kann, zum Handfeuerlöscher zu greifen, um einen kleineren Brand im Zaum zu halten, so muss man im Fall der Bewusstlosigkeit ebenfalls Hand anlegen - und zwar im wörtlichen Sinn. In diesem Fall lautet die Handlungsanweisung als einprägsame Dreierformel: „Prüfen, Rufen, Drücken“. Zu prüfen ist, ob die bewusstlose Person ansprechbar ist, ob sie reagiert. Wenn nicht, ist als nächstes die Atmung zu kontrollieren. Ist sie normal, oder ist sie zu unregelmäßig, zu schwach, vielleicht gar nicht mehr vorhanden?

„Rufen“ bedeutet im Anschluss an das „Prüfen“ nicht unbedingt, selbst die Notrufnummer zu wählen. Vielmehr ist auch hier im ganz wörtlichen Sinn zu rufen. Es geht darum, die Aufmerksamkeit anderer Passanten zu erregen. Diese kann man dann zum Telefonieren auffordern, während man selbst bereits mit dem „Drücken“ begonnen hat: Wo sich das Herz befindet, ist der Brustkorb um gut fünf Zentimeter einzudrücken, etwa hundert Mal in der Minute - also schon fast zwei Mal pro Sekunde. Das ist anstrengend und kann den „Drücker“ schon nach zwei Minuten überfordern. Er wird langsamer. Auch deshalb ist es wichtig, andere Menschen aufmerksam zu machen, damit nach zwei Minuten eine Ablösung erfolgen kann.

In der Theorie ist das alles ganz einfach. In der Praxis sieht es aber ganz anders aus: So wichtig das Reanimieren durch „Drücken“ ist, so sehr scheuen die meisten Menschen davor zurück - aus Angst, etwas falsch zu machen und eher Schaden anzurichten als zu helfen. Das Esslinger Gesundheitsamt hat deswegen das Projekt „Laienreanimation“ ins Leben gerufen. Dabei geht es nicht um die Reanimation von Laien, sondern um die Reanimation durch Laien. Laien sollen also zum Reanimieren animiert werden. „Drücken Sie, Sie können dabei nichts falsch machen“, sagt Chefarzt Thorsten Lukaschewski, der Vorsitzende der Kreisärzteschaft Nürtingen: „Falsch wäre es nur, gar nichts zu machen.“

Selbst wenn man zu tief oder zu heftig auf den Brustkorb drücken würde, könne nichts wirklich Schlimmes passieren, beruhigt der Mediziner: „Auch wir als Profis brechen da ab und zu eine Rippe. Das macht aber nichts: Die Rippe heilt, der Herzstillstand nicht.“ Wer dank des Drückens überlebt, wird die gebrochene Rippe wohl verschmerzen können: „Der Mensch ist ja so gut wie tot. Und wenn man dann gar nichts macht, stirbt er auf jeden Fall.“

Thorsten Lukaschewski belegt das mit Zahlen. Reagiert ein „by­stander“ - also jemand, der zufällig gerade dabeisteht - sofort, liegt die Überlebenschance des Patienten bei nahezu 100 Prozent. Vergehen dagegen die ersten fünf Minuten ohne Eingreifen von außen, sinkt diese Chance schon auf 50 Prozent, und nach insgesamt acht Minuten auf nur noch 25 Prozent. Wer nach einem Kreislaufstillstand 15 Minuten lang keine Hilfe erfährt, hat keine Chance mehr.

Deshalb ist auch die Laienreanimation so wichtig: „2016 war der Rettungsdienst in 18 Prozent der Fälle nach sechs Minuten vor Ort, in 40 Prozent nach acht Minuten. Aber auch zehn Minuten waren erst in 61 Prozent der Fälle erreicht.“ Hinzu komme, dass zwischen dem Eintreten des Notfalls und dem Absetzen des Notrufs meistens auch noch zwei bis drei Minuten vergehen.

Bringt man diese Zahlen nun zusammen, wird klar, warum Thorsten Lukaschewski betont: „Es geht uns darum, durch die Laienreanimation die ersten fünf bis acht Minuten zu überbrücken - bis der Rettungsdienst eintrifft.“

Jeder kann Leben retten

Walter Kontner, der Leiter des Esslinger Gesundheitsamts, will deshalb mit der Laienreanimation jede einzelne Gemeinde im Landkreis erreichen. Genutzt hat er zu diesem Zweck die Bürgermeisterversammlung des Kreises in Notzingen, um für das Projekt zu werben. Bei jeder größeren Veranstaltung - vom Kino bis zum Dorffest - könne eine Gruppe auftreten, die mit einer Puppe einen Notfall simuliert und die Umstehenden zum Drücken animiert. Die Botschaft, die es zu vermitteln gilt, ist eine ganz einfache: „Drücken kann jeder.“ Somit kann auch jeder zum Lebensretter werden.

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