Kirchheim

Ein Chorkonzert der Extraklasse

Konzert Der Kammerchor Baden-Württemberg gastiert mit seinem neuen A-cappella-Programm in der katholischen Kirche Maria Königin in Kirchheim. Ein Abend zwischen Verzweifeln und Hoffen. Von Hartmut Schallenmüller

Der Kammerchor Baden-Württemberg brilliert in Kirchheim durch eine elementare Musizierfreude. Foto: Markus Brändli
Der Kammerchor Baden-Württemberg brilliert in Kirchheim durch eine elementare Musizierfreude. Foto: Markus Brändli

Um es gleich vorweg zu sagen: Dieses Konzert war ein außergewöhnliches, wenn nicht sogar spektakuläres Hör- und Klangerlebnis. Aber der Reihe nach.

Die Programmüberschrift „Ach Herr“ erweckt zunächst eher bescheidene Erwartungen. Doch dahinter verbirgt sich ein musikalischer Spannungsbogen der tiefsten seelischen Empfindungen. Von größter Verzweiflung bis zur hoffenden Gewissheit, zusammengehalten durch Komponisten, die alle mit dem Altmeister der Chormusik, Johann Sebastian Bach, eine verwandtschaftliche oder eine innere Verbindung der Verehrung besaßen. Gleich das erste Werk, „Unser Leben ist ein Schatten“ von Johann Bach, einem Onkel von Johann Sebastian Bach, ließ aufhorchen. Mit einer unglaublichen Leichtigkeit und Klarheit erklang dieser fünfstimmige Satz, immer wieder durchbrochen von überirdischen Echorufen aus jenseitigen Gefilden. Auch im nächsten Chorsatz von Johann Christoph Bach, „Fürchte dich nicht“, bestach der Chor durch eine vortreffliche Präzisierung und Deklamation des Textes. Beginnend mit hämmernden Staccatoachteln, endete der Schlusschoral dann im trostreichen Legatoklang. Das alles ist sicher auch das Verdienst des Chorleiters Jochen Woll. Sein Dirigat ist eine eigene Aufführung wert. Mit weit ausschwingenden Bewegungen tanzt er am Dirigentenpult eine eigene sehenswerte Choreografie zur Musik.

Die anschließende doppelchörige Bachmotette „Komm, Jesu, komm“ überzeugte besonders durch ihre durchscheinende Transparenz. Jede Stimme hellwach und immer präsent. Beim Werk des vor zwei Jahren verstorbenen norwegischen Komponisten Knut Nystedt „Komm, süßer Tod“ kam es zu einer weiteren Zellteilung. Vier Chorformationen positionierten sich an allen vier Seiten der Kirche. Und nun begann ein unglaubliches Klangexperiment. Was da geschah, lässt sich eigentlich nur erleben. Alle vier Gruppen sangen den Choral „Komm, süßer Tod“ - allerdings jeder in einem anderen Zeitmaß.

Ohne Pause zum Innehalten

Die entstehenden Reibungen erzeugten in ihren Dissonanzen einen sphärischen Klangteppich, über dem tatsächlich ätherisches Glockengeläut zu hören war. Kein Hörer, der dabei nicht innerlich ergriffen wurde. Möglich war das aufgrund einer grandiosen sängerischen Leistung, Töne über mehrere Takte ohne Intonationsverlust zu dehnen, zu verdichten und die Spannung bis zum Schlusspunkt zu halten. Die Begeisterung entlud sich zu Recht in spontanem Beifall.

In den folgenden drei doppelchörigen Brahmsmotetten, „Ich aber bin elend“, „Ach arme Welt“ und „Wenn wir in höchsten Nöten sind“, brillierte der Chor durch ausgewogene Homogenität und eine elementare Musizierfreude. Beide Chöre steigerten sich im gegenseitigen Wettstreit über die falsche Welt mit ihrer Angst und Not und der Bitte zum ewigen Frieden.

Den grandiosen Schlusspunkt setzte die fünfstimmige Motette „Ach, Herr, strafe mich nicht“ von Max Reger, die wegen ihrer immensen Schwierigkeiten selten zur Aufführung gelangt. Sie besteht aus drei Teilen. Beginnend in gregorianischer Einstimmigkeit erfolgt im Wechsel der Stimmen eine flehende, klagende Bitte um Vergebung und Trost. Im zweiten Teil, einer anrührenden schlichten Melodie in vollendeter Harmonie, gibt es kein Aufbäumen und Hadern mehr. Der Mensch ist in Gottes Behutsamkeit zur Ruhe gekommen. Der dritte Teil, im Lobpreis des Herrn, entfaltet eine Fuge von ungeheurem Ausmaß. Sie scheint kein Ende zu nehmen. In der für Reger typischen chromatischen Polyphonie türmen sich die Tonfolgen übereinander, verschwinden wieder im polyphonen Dickicht, um an anderer Stelle wieder aufzublitzen.

Ohne Pause zum Innehalten, ohne Verschnaufen schwillt der Klang immer mehr an bis zum Schlusscrescendo furioso. Die vertrackten chromatischen Tonfolgen, die ungewohnten Intervallsprünge, die rhythmischen Finessen, das alles meisterte der Kammerchor scheinbar mühelos mit einer leidenschaftlichen Musizierfreude auf höchstem Niveau. Der Applaus am Schluss wollte kein Ende nehmen. Gut zu wissen, dass der Chor in einem halben Jahr in Kirchheim wieder konzertieren wird. In gelebter Ökumene wird dieses Konzert in der evangelischen Christuskirche stattfinden.

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