Kirchheim

Ein Fall für Grips-Gymnastik

Geduldsspiele Der Kirchheimer João Correia erfindet und produziert knifflige Spiele in unterschiedlichsten Schwierigkeitsgraden. Alles in Handarbeit und alles mit Holz aus der Gegend. Von Günter Kahlert

Alles Handarbeit: João Correia fertigt in seine Werkstatt im Keller und verkauft seine Spiele vor allem auf Märkten.Fotos: Günte
Alles Handarbeit: João Correia fertigt in seine Werkstatt im Keller und verkauft seine Spiele vor allem auf Märkten.Fotos: Günter Kahlert

Manche machen sie süchtig, andere treiben sie in pure Verzweiflung: Geduldsspiele, Puzzles, Strategiespiele, Rechenspiele. João Correia stellt solche Spiele her, alle aus Holz und fast alle selbst erdacht. Er nennt sich ganz schlicht „Kunst-Handwerker“, aber darin steckt auch ein Erfinder, Tüftler und Designer. Wie kommt man auf die Ideen, wie denkt man sich solche raffinierten Spiele aus? João lächelt: „Es ist wirklich eine plötzliche Idee. Ich könnte mich nie hinsetzen und ganz bewusst ein neues Spiel planen. Das funktioniert nicht.“

Natürlich kommt eine solche Fähigkeit nicht aus dem Nichts, sie hat eine Vorgeschichte. Ende der 80er-Jahre tingelt João Correia mit diversem handwerklichem Krimskrams über die Märkte in Portugal. Im Angebot auch bereits kleine, traditionelle Geduldsspiele. Die Initialzündung ist dann letztlich eine Zufallsbekanntschaft: Der portugiesische Mathematiker Manuel Martins sucht einen geschickten Handwerker, der seine Vorstellungen und Berechnungen in Spiele umsetzen kann. Und trifft auf einem der Märkte rund um Lissabon auf João Correia. Der entdeckt während der Arbeiten für den Mathematiker nicht nur seine eigene Leidenschaft für diese Dinge, sondern auch sein Talent für das Verständnis komplexer Aufgabenstellungen. So viel zur Historie. Seit 1996 lebt der heute 50-jährige Portugiese mit seiner Frau Michaela in deren elterlichem Haus in der Kirchheimer Jahnstraße. Hier hat er im Keller seine kleine Profi-Werkstatt und hier hat er im 1. Stock seinen bescheidenen „Showroom“.

Drei Typen von Spielen unterscheidet João Correia: Puzzles unterschiedlichster Art, Rechenspiele und Knobelspiele mit Ring, Seil und Stab. Das Ganze unterteilt in Schwierigkeitsgrade von 1 bis 4. Eine Bewertung, die zunächst durch Selbstversuch zustande kommt: „Ich probiere, wie lange ich brauche und lasse es dann auch Freunde versuchen“, erklärt João Correia. Demnach bedeutet „1“ etwa 10 Minuten, „2“ steht für 20 bis 30 Minuten, beim „3er“ sind es auch schon mal Wochen und bei einem „4er“ muss man schon viel Leidenschaft und Geduld mitbringen, dieses Spiel kann ein paar Monate bis zur Lösung dauern. Das ist dann wohl Gehirn-Jogging der verschärften Art. Auf jeden Fall deckt er mit seinen Spielen alle Altersgruppen ab, von sechs bis 96, wie er selbst sagt. Kinder können sich ebenso damit beschäftigen wie Erwachsene oder Senioren. Einfach alle, die Grips-Gymnastik machen wollen. Für Altersheime hat der Kunst-Handwerker auch schon mal eine Serie einfacherer Spiele in doppelter Größe aufgelegt.

Wenn João Correia eine Idee hat, skizziert er sie erst und baut dann einen Prototypen. Ihm genügt es, wenn das Spiel auf jeden Fall eine Lösung hat, wie viele Lösungen letztlich möglich sind, weiß er am Anfang oft selbst nicht. „Ich bin kein Mathematiker, ich arbeite da eher nach Gefühl“. Manches kommt auch als Rückmeldung von Knobel-Fans. Beispiel letzter Weihnachtsmarkt: Er erzählt einer Stammkundin stolz, dass es für ihr Puzzle auch eine zweite Lösung gibt. Sie schaut ihn amüsiert an und erklärt „ich habe 15“. Logisch, dass er die Lösungen wollte.

Die Namen seiner Spiele klingen harmlos: „Schnürli“, „Trave“, „Frosch“, „Ring“ – bis man‘s spielt. Der „Ring“ zum Beispiel, ein kleines, scheinbar simples Teil – ein Holzstück mit Metallöse, darüber ein Ring, blockiert allerdings von einer durchgefädelten Schnur mit zwei Kugeln und zwei Holzquadra­ten an den Enden. Und jetzt: einfach nur „den Ring befreien“, heißt die Aufgabe. Wenn es denn so einfach wäre. Oder wie wäre es mit Rechnen? „24“ heißt sein geniales Brettspiel, bestehend aus 4 Würfeln mit ausgetüftelten Ziffern, die immer die Zahl 24 ergeben müssen. Alles ist mit Grundrechenarten zu lösen, für manche Lösungen braucht man auch Klammern. Gehen tut‘s immer, nur nicht immer einfach.

Nicht alles, was João Correia in seiner Werkstatt produziert, ist von ihm erdacht. Auch Klassiker baut er. Zum Beispiel den berühmten „Soma-Würfel“, eine Erfindung des dänischen Mathematikers Piet Hein aus dem Jahr 1936. 240 Möglichkeiten gibt es, ihn zusammenzusetzen und unzählige Varianten für Teilfiguren – ein Dauerbrenner an Schulen zur Förderung räumlichen Denkens.

Ebenso wichtig wie die Funktion der Spiele ist dem Kunst-Handwerker das Design. „Sie müssen einfach gut aussehen und sie müssen sich gut anfühlen.“ Raffiniert und schön sozusagen. Gefertigt wird überwiegend mit Holz aus der Gegend: meist Buche, ab und zu Ahorn und Eiche. Auf die kleinen Spiel-Kunstwerke sind auch schon andere aufmerksam geworden. Die Stuttgarter Stadtbibliothek beispielsweise hat im 3. Stock eine kleine Sonderausstellung mit Spielen von João Correia eingerichtet. Titel: „Denken mit Händen“ – so kann man es auch sagen.

Der direkte Verkauf läuft in der Regel auf Märkten. „Ich brauche einfach den Kontakt zu Menschen und auch die Rückmeldungen von meinen Kunden, die ich zum Teil schon seit Jahren kenne.“ Ansonsten gibt es noch seine Website, auf der man sich auch alle Spiele anschauen kann.

Größer aufziehen mag João Correia sein Geschäft nicht, ein Amazon-Shop etwa käme nicht infrage. „Wenn ich da plötzlich 1 000 Bestellungen bekomme, kann ich die gar nicht herstellen. In Handarbeit produzieren gehört für mich einfach dazu.“ Eben mehr Künstler als knallharter Geschäftsmann. Dafür spricht auch, dass der maximale Preis für seine handgefertigten Spiele bei 20 Euro liegt.

Kleiner Trost für alle nicht so Rechen- oder Knobel-Begabten: an manchen seiner Spiele scheitert der Erfinder selbst, wenn er sie nach Monaten mal wieder anpackt. Schmunzelnd gibt er zu: „Irgendwann gehe ich dann doch an meinen Computer und hole mir die Lösung...“ Die kann man sich übrigens auch per E-Mail auf seiner Website besorgen. Falls der Frust mal zu groß wird oder die Geduld am Ende ist.

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