Kirchheim

Ein geborener Eisenbahner

Vor 40 Jahren hat Lothar Wissler den Modelleisenbahnclub Kirchheim Teck gegründet

Manchmal wird behauptet, einer habe etwas bereits „mit der Muttermilch aufge­sogen“. Bei Lothar Wissler und der Eisenbahn ist das keine ­Übertreibung.

Die Welt in klein: Die Modelleisenbahn des Clubs umfasst rund 400 Meter Gleisstrecke. Fotos: Peter Dietrich
Die Welt in klein: Die Modelleisenbahn des Clubs umfasst rund 400 Meter Gleisstrecke. Fotos: Peter Dietrich

Kirchheim/Notzingen. „Ich war von Mutterleib an Eisenbahner“, sagt Lothar Wissler. Er wuchs am Titisee auf, seine Mutter war Fahrdienstleiterin in Seebrugg am Schluchsee, sein Vater bei der Fahrleitungsmeisterei. Als Elfjähriger fuhr Wissler dann täglich mit dem Zug zum Gymnasium. Seine Frau Inge lernte er ebenfalls am Titisee kennen, sie kam als Kurgast. Gleich am zweiten Tag sorgte Wissler für klare Verhältnisse und zeigte ihr seine Modellbahn: „Das ist mein Hobby.“ Seine Frau zieht voll mit, sagt Wissler heute, er weiß das bis zum heutigen Tag sehr zu schätzen. Geheiratet haben beide schon, als er bei der Bundeswehr war, das brachte finanziell den Bonus für die ersten Möbel.

Nach dem Bund zur Bahn? „Zu diesem Hungerleiderverein gehst du mir nicht“, sagte der Vater. Stattdessen machte Wissler bei der Meyer Werft in Papenburg, auf der ein Bruder seiner Mutter arbeitete, seinen Elektriker. Doch dann sah er, nach dem Tod des Vaters Anfang 1970, die großen Werbeplakate der Bahn: „Werden Sie Chef über 14 000 PS.“ Er begann als Lokführer in Plochingen und blieb die ganze Zeit dort, zuletzt als Personal- und Fahrzeugdisponent auf der Lokleitung. Nun ist er im Ruhestand. „Jetzt habe ich Zeit fürs Hobby“, freut sich Wissler und kümmert sich um den Bahnbetrieb nur noch im verkleinerten Maßstab.

Seine erste Vorprüfung bei der großen Bahn machte er auf einer V60er-Diesellok auf der längst stillgelegten Strecke von Reutlingen nach Honau. Ständig nach Stuttgart und zurück pendeln, das musste Wissler anschließend nie. Zum einen befuhr er die Nebenstrecken nach Oberlenningen und Weilheim, nach Bad Urach und Bad Boll. Seine schönste Strecke war die Panoramabahn von Göppingen nach Schwäbisch Gmünd, heute Radweg: „Da habe ich mit dem ersten Zug morgens Reh, Fuchs und Raubvogel gesehen.“ Außerdem fuhr Wissler Sonderzüge, sie brachten ihn bis nach Köln und zur österreichischen Grenze. Er fuhr die Dieselloks V100, V160 und V200, die Elloks E10, E40 und E41 und den wohlgeformten Triebwagen VT11.5, die spätere Baureihe 601.

Wisslers Lieblingslok ist aber die Baureihe 103, früher E03, von dieser TEE-Lok hat er im Modell 18 Exemplare, keines ist identisch. Insgesamt zählt Wisslers private Sammlung mehr als 1 000 Loks in der Baugröße HO, dazu rund 2 500 Wagen. Dazu kommen 28 Loks in der Baugröße I, der Königsklasse im Maßstab 1:32, dazu rund 300 Wagen. In dieser Baugröße hat Wissler sechs Autoreisezugwagen selbst gebaut.

Es geht aber auch noch mehr, die Spurweiten von fünf und siebeneinviertel Zoll eignen sich sogar zur Personenbeförderung. Mit seiner Ellok der Baureihe 194 in dieser Größe fuhr Wissler bei den Dampfbahnfreunden Friedrichsruhe bei Öhringen, dort war er 23 Jahre lang Vorstand, er fuhr bei den Dampfbahnern in Plochingen und reist immer wieder in die Schweiz, etwa zur Gartenbahn „Ysabähnli am Rhy“ in Pratteln, nach Staufen oder nach Zürich. Manchmal wird in der Schweiz an Loks und Wagen gearbeitet, ein Freund hat dort Drehbank und Fräsmaschine.

Für anderes genügt daheim die Kellerwerkstatt, in der Wohnung zeigt Wissler seine umfangreiche Sammlung an Ersatzteilen. Früher hat er für drei Modellbahngeschäfte Reparaturen erledigt, heute fragt so mancher Freund vor Weihnachten: „Du Lothar, kannst du mal?“ Ob die Lok wieder läuft, kann Wissler auf dem Rollenprüfstand testen, auf dem die Lok fährt, ohne sich fortzubewegen – so wie das Auto beim TÜV.

Bei der Stiftung Bahn-Sozialwerk (BSW), dem früheren Bundesbahn-Sozialwerk, hat Wissler gleich vier Ehrenämter. Unter anderem ist er Bezirksbeauftragter für die BSW-Modellbahnclubs in Baden-Württemberg, es gibt deren zwölf. Auch der Modellbahnclub Kirchheim Teck, den Wissler 1976 gegründet hat, ist eine BSW-Freizeitgruppe. Eine Woche pro Jahr ist Wissler Seminarleiter: Dann lernen rund 15 Teilnehmer beim BSW-Modellbauseminar in Baiersbronn, wie man Loks und Häuser farblich altert, Bäume baut und vieles mehr.

Zuhause bei Lothar Wissler, der 1976 den Modelleisenbahnclub Kirchheim Teck gründete, eine Freizeitgruppe der heutigen Stiftung
Zuhause bei Lothar Wissler, der 1976 den Modelleisenbahnclub Kirchheim Teck gründete, eine Freizeitgruppe der heutigen Stiftung Bahn-Sozialwerk (BSW) - die Jubiläumslok für den Verein, sie steht auf einem Rollenprüfstand, auf dem Loks getestet werden und eingefahren werden können, ohne sich von der Stelle zu bewegen (wie ein Auto beim TÜV)
Eröffnung der S-Bahn-Verlängerung nach Kirchheim - auf der Modellbahnanlage des Modelleisenbahnclubs Kirchheim im Untergeschoss
Eröffnung der S-Bahn-Verlängerung nach Kirchheim - auf der Modellbahnanlage des Modelleisenbahnclubs Kirchheim im Untergeschoss der ehemaligen Güterabfertigung war selbstverständlich ebenfalls ein ET 423 (S-Bahn-Triebzug) unterwegs

Modellbahnclub Kirchheim Teck

Club: Der Club zählt derzeit 15 Mitglieder, das jüngste ist Jahrgang 1971, das älteste Jahrgang 1936. „Wir waren auch schon 30“, sagt der Gründer Lot­har Wissler, der sich über Nachwuchs freuen würde. Der Jahresbeitrag liegt bei 72 Euro. Die Clubanlage befindet sich im Untergeschoss der ehemaligen Güterabfertigung neben dem Kirchheimer Bahnhof, dort hat der Club 100 Quadratmeter Platz. Historie: Zuvor war die Anlage 25 Jahre lang im Ötlinger Bahnhof zu Hause. „Als die Bahn das Gebäude an einen Privatbesitzer verkaufte, wollte dieser die fünffache Miete“, erinnert sich Wissler. Er nutzte sofort seine guten Kontakte innerhalb der Bahn, in wenigen Tagen fand er die neue, jetzige Unterkunft. Dort sind auf 400 Meter Gleisstrecke im Zweileitersystem, über 70 Weichen und mit 50 Signalen gesichert 28 Züge unterwegs. Es gibt einen Bahnhof Neuffen und eine selbst gebaute Burg Teck mit Segelfliegern. Derzeit arbeitet der Club an einer elektronisch gesteuerten Beleuchtung der Gebäude. Zum 40-jährigen Bestehen sind am Sonntag und Montag, 2. und 3. Oktober, zwischen 11 und 17 Uhr Vorführungen im Gebäude am alten Kirchheimer Güterbahnhof geplant. Weitere Termine folgen im November und Dezember. pd

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