Kirchheim

„Ein halbes Jahrhundert drangehängt“

Geburtstag Morgen wird Hedwig Mößner 100 Jahre alt. Sie hat den Krieg und eine schwere Krankheit überlebt, obwohl Ärzte sie schon aufgaben. Von Thomas Zapp

Hat sich ihren Humor und ihr positives Denken bis heute bewahrt: Hedwig Wössner Foto: Carsten Riedl
Hat sich ihren Humor und ihr positives Denken bis heute bewahrt: Hedwig Mößner . Foto: Carsten Riedl

Einen Wunsch hatte Hedwig Mößner vor dem Interview: Das Gespräch sollte nicht zu lange gehen, denn um 12.30 Uhr muss das Mittagessen für den Schwiegersohn fertig sein - ein gesundes Maß an Pflichtbewusstsein, das einen Menschen ein gesegnetes Alter erreichen lässt. Hedwig Mößner wird morgen 100 Jahre alt. „Ich muss mich bewegen“, sagt sie, auch wenn es mittlerweile zu schwer fällt, mit den Hunden Moritz und Jessy Gassi zu gehen. Das übernehmen Tochter und Schwiegersohn, die im selben Haus wohnen. Zu ihrer Ärztin geht sie regelmäßig, aber eigentlich mehr zum Plaudern. Die will vor allem wissen, wie Hedwig Mößner das gemacht hat, 100 Jahre alt zu werden. Ein positiver Mensch sei sie, sagt Tochter Marianne über ihre Mutter.

Dabei hatte das Leben der kleinen Hedwig nicht die besten Voraussetzungen mit auf den Weg gegeben. Die Mutter starb früh, die gebürtige Heilbronnerin wuchs getrennt von ihrem zwölf Jahre älteren Bruder bei Verwandten in Künzelsau auf, weil sich der Vater alleine nicht um sie kümmern konnte. Sie war eine gute Schülerin, in der Grund- und später in der Volksschule immer Klassenbeste. Aber als es darum ging, ob sie auf das Gymnasium gehen durfte, musste ihr Vater gefragt werden. Und der sagte „nein“. „Ich sollte lieber lernen, den Haushalt zu führen“, erinnert sie sich.

Sie fand nach der Volksschule eine Anstellung bei einem Zahnarzt, der bei Kriegsbeginn einberufen wurde. Hedwig zog zu ihrem Bruder nach Heilbronn und lernte im Haus einer Freundin ihren späteren Mann Gustav kennen. Auch er musste 1942 an die Ostfront. Vorher heirateten die beiden mit Bratwurst und Kartoffelsalat.

Schon bald wurde Gustav in Russland vermisst, und Hedwig erlebte in Heilbronn die Grausamkeit des Krieges, als die Stadt im Dezember 1944 in Schutt und Asche gelegt wurde. Dabei kam auch ihr Vater ums Leben. „Er hatte zuvor die jungen Leute aus einem Luftschutzkeller gerettet.“ Dann stürzte der Keller ein und begrub den Vater. Raum für Trauer blieb nicht, überall herrschte Elend. In den Straßen wurden die Opfer des Angriffs gestapelt. „Frauen mit ihren Kindern auf dem Arm, Menschen, die noch die Gasmasken aufhatten - alle waren tot. Die Bilder habe ich nie vergessen“, sagt sie.

Wo sie die Kraft hernahm, weiß sie nicht mehr, aber irgendwie ging es weiter. Ihren Mann traf sie 1946 wieder, aber vom Krieg trug sie ein Nervenleiden davon, das auch die Leber in Mitleidenschaft zog. Mittlerweile lebte sie in Nabern bei der Familie ihres Mannes, Tochter Marianne war auf der Welt und Hedwig führte den Haushalt und pflegte ihren Garten. Aber ihr ging es nicht gut, oft war sie im Krankenhaus. „Als ich 50 war, sagten die Ärzte, sie könnten nichts mehr für mich tun“, erinnert sie sich. Aber ihr Mann nahm sie mit in ein Reformhaus. Hedwig stellte ihre Ernährung um, trinkt bis heute jeden Tag um 11 Uhr ihren Gemüsesaft. „Ich habe noch ein halbes Jahrhundert drangehängt“, fügt sie hinzu und lacht herzlich. Ihren Humor hat sie sich über all die schweren Jahre bewahrt. Nur eins regt sie auf: wenn sie in ihren Talkshows und Nachrichten sieht, wie die Rechte wieder erstarkt. „Haben die nichts gelernt, fängt alles wieder von vorne an?“, sagt sie mit blitzenden Augen. Aber der Ärger verfliegt so rasch wie er gekommen ist.

Es wird Zeit, sich zu verabschieden, in einer Stunde kommt der Schwiegersohn zum Mittagessen.

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