Kirchheim

Ein Kirchheimer bleibt trotz Kälte cool

Extremwetter David Breimer erlebt mit seiner Familie im Zentrum des arktischen Winters in Chicago, wie Temperaturen von minus 30 Grad das öffentliche Leben weitgehend lahmlegen. Von Peter Eidemüller

Die Skyline von Chicago ist vor kältebedingtem Dampf für David Breimer kaum zu sehen. Ans Ufer des Lake Michigan wagt sich der K
Die Skyline von Chicago ist vor kältebedingtem Dampf für David Breimer kaum zu sehen. Ans Ufer des Lake Michigan wagt sich der Kirchheimer nur dick eingepackt. Foto: privat

Nach zehn Minuten reicht‘s. Der kleine Ben hat die Nase voll - im wahrsten Sinne des Wortes. Der Zweijährige kann die eisige Luft kaum atmen, ohne dass es weh tut. David Breimer beendet den Ausflug ins Freie mit seinem Sohn lieber und kehrt in den Schutz der wärmenden Wohnung zurück. Die liegt zwar zwei Straßenblocks entfernt vom Lake Michigan, doch sehen kann man den größten See der USA in diesen Tagen auch aus mehreren Kilometern Entfernung. Die Rekordkälte in und um Chicago, wo der gebürtige Kirchheimer seit ein paar Wochen berufsbedingt mit seiner Frau und den beiden Kindern lebt, lässt das Gewässer dampfen wie ein gelöschtes Großfeuer.

„Ich habe mein erstes Paar Winterschuhe bereits verschlissen“, berichtet der 39-Jährige, der wie Millionen anderer im Großraum Chicago versucht, der arktischen Kälte so gut es geht zu trotzen. Ohne jedes Kleidungsstück doppelt anzuziehen, wagt sich niemand mehr vor die Tür. Und selbst das geschieht angesichts von Temperaturen wie am Nordpol nur selten. Besonders heimtückisch: Die gefühlte Kälte ist oft noch deutlich schlimmer. „An sich sind minus 30 Grad schon echt heftig, aber der berüchtigte ‚wind chill‘ macht es richtig garstig“, klagt Breimer, der darum auch lieber auf Aktivitäten im Freien verzichtet. „Unser erster Ausflug als Familie war in ein Indoorspiel-Café“, sagt er, „und unsere Wohnung haben wir kurzerhand zur Spielzone umfunktionieren müssen, damit die Kleinen keinen Lagerkoller bekommen.“

Kinder ohne frische Luft über Tage bei Laune halten - nur eine Facette einer Wetterkapriole, die den Mittleren Westen der USA schockgefroren und bereits erste Todesopfer gefordert hat. Flug- und Zugverkehr sind kältebedingt eingestellt, das öffentliche Leben ist weitestgehend zum Erliegen gekommen, selbst die Post hat vor den polarkreisähnlichen Bedingungen kapituliert.

David Breimers Frau, die an der Uni von Chicago forscht, kommt nur mit einem eigens eingerichteten „Frostbite Shuttle“ zur Arbeit. „Da wird ein ganz normaler Einkauf im Supermarkt schon zum Event“, bleibt der Kirchheimer im wahrsten Sinne des Wortes cool. „Das wird schon wieder besser“, lacht er, „so im April.“ Nicht nur den kleinen Ben dürfte es freuen.

Anzeige