Kirchheim

Ein Leben im Dialog der Widersprüche

Lesung Dr. Regina Dieterle hat in der Buchhandlung Zimmermann ihre Biographie Theodor Fontanes vorgestellt.

Regina DieterleFoto: pr
Regina DieterleFoto: pr

Kirchheim. Vor ihr liegt ein Werk von genau 832 Seiten mit dem knappen Titel „Theodor Fontane. Biographie“. Die Autorin dieses Monumentalwerks gibt sich angenehm zurückhaltend und bescheiden. Doch was Gastgeberin Sibylle Mockler in der Kirchheimer Buchhandlung Zimmermann zu berichten hat, rückt die Autorin ins rechte Licht: Regina Dieterle hat in Zürich in Germanistik promoviert. Und: Sie war immer in der wissenschaftlichen Fontane-Forschung tätig, schließlich war sie 2010 bis 2014 die Vorsitzende der Theodor-Fontane-Gesellschaft. Sie hat beispielsweise den Nachlass von Fontanes Tochter Martha entdeckt.

Zehn Jahre habe sie an dem Werk gearbeitet, so führt sie in ihrem sympathischen Schweizer Tonfall aus. Dass die Biographie gerade jetzt, in der Zeit um Fontanes 200. Geburtstag am 30. Dezember 2019 erscheine, sei ein willkommener Zufall. Sie will nachweisen, dass das Genie Fontane nicht vom Himmel gefallen, sondern auf geschichtliche, familiäre und biographische Gegebenheiten zurückzuführen ist. Bei der Überfülle des Materials waren bei der Vorstellung des Werkes nur „punktuelle Einblicke“ mit Passagen und Erläuterungen aus dem Buch möglich.

Der erste Blick fiel auf die Familiengeschichte: Die Großeltern Fontanes waren Hugenotten aus Frankreich, die sich gut in Preußen integriert hatten. Der Vater wurde Apotheker. Sohn Theodor besucht zuerst das Gymnasium in Neuruppin, wechselt dann aber in die Gewerbeschule Berlin. Dort lernt er Englisch und bekommt Unterricht in Naturwissenschaften.

Fontane hat eine Apothekerlehre gemacht und jahrelang als Gehilfe gearbeitet. In seinen mit 75 Jahren geschriebenen Lebenserinnerungen verschweigt er diese Tatsache fast vollständig. Richtig ist, so Dieterle, dass Fontane nicht, wie immer behauptet wird, erst im reifen Alter schriftstellerisch tätig wurde, sondern sich schon von Jugend an um Literatur gekümmert habe.

Kleinlaut zurückgezogen

Fontane, revolutionär gesinnt, gerät in die Berliner Barrikadenkämpfe der Revolution von 1848. In „fiebriger Erregung“ erlebt er sie. Es folgt die Ernüchterung. Er sieht, wie seine Kameraden aus der Militärzeit den Aufstand niederschlagen. „Kleinlaut zog ich mich von der Straße zurück und ging in mein Zimmer“, berichtet er später.

1850 heiratet Fontane seine Emilie. Sie wird schwanger, er muss für die Familie sorgen. Für einen „Judaslohn“ wechselt er politisch die Seiten und arbeitet für die preußische „Centralstelle für Preßangelegenheiten“. Er fühlt sich unbehaglich und ergreift die Gelegenheit, als Beobachter der englischen Presse nach London zu gehen. Als Familienmensch versucht er, Frau und Kind nachzuholen.

Dieterle würdigte bei dieser Gelegenheit Emilie als „tolle Frau“, die mit Fontanes häufiger Abwesenheit zurechtkam, seine Manuskripte ins Reine schrieb und mit der Tatsache leben musste, dass Theodor für zwei voreheliche Kinder Alimente zu zahlen hatte.

Fontane ist 20 Jahre lang geschätzter Theaterkritiker, obwohl er nicht fürs Theater geschrieben hat. Von den Bühnengestalten holt er sich den Stoff für seine Romanfiguren. 1892 erkrankt Fontane schwer. Alle Therapien helfen nichts. Erst, als er sich aufrafft, an „Meine Kinderjahre“ weiterzuschreiben, lebt er wieder auf. Durch diese Erinnerungstherapie wird er überraschend wieder gesund und fähig, bis zu seinem Tod 1898 seine Alterswerke zu schreiben, vor allem „Effi Briest“.

Aus den Überleitungen Dieterles zu ihren „punktuellen Einblicken“ ergab sich ein Bild Fontanes als eines facettenreichen Menschen, der, vielfach begabt, die Widersprüchlichkeit des Lebens ausschöpfte und in Dialoge bannte. Der Leser ihrer Biographie muss vor ihrem Wissenschaftsanspruch nicht zurückschrecken. Die Wissenschaftlichkeit ist im dicken Anhang verpackt. Der Text selbst ist lesefreundlich erzählend. Dieterle formulierte zum Schluss einen Lebenswunsch, der ihre intensive Beziehung zu diesem Schriftsteller unterstreicht: Sie würde so gern mit Fontane, dem Meister des Dialogs, einen Dialog führen. Ulrich Staehle

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