Kirchheim

Ein Schaf kommt selten allein

Familie Forkl-Kruschina in Lindorf zieht drei Lämmer mit der Flasche auf

Kirchheim. Ob Hund, Katze oder Kaninchen – tierischer Familienzuwachs ist nicht ungewöhnlich, aber im Fall von Christine Forkl-Kruschina sorgt er oft für Staunen. Zufällig

entdeckte die Lindorferin ein Lamm in Not. Heute lebt das Tier mit zwei weiteren Artgenossen bei ihr. Es ist noch nicht lange her, da zuckte so mancher Passant, der die Reudener Straße in Lindorf entlang lief, überrascht zusammen. Verborgen hinter Sträuchern grasten im Garten von Familie Forkl-Kruschina drei Lämmer, die munter blökten, sobald sich jemand näherte. Im Februar hatte Christine Forkl-Kruschina bei einem Spaziergang ein neugeborenes Lamm mit einer Verletzung entdeckt. „Die Mutter muss wohl aufgeschreckt worden sein – jedenfalls war die Nabelschnur nicht sauber abgetrennt, sondern herausgerissen worden“, erinnert sich die 50-Jährige. „Es war ein kalter Tag und das Tier lag im Elektrozaun.“ Die Lindorferin nahm das unterkühlte Lamm mit nach Hause, wo sie es aufwärmte. Als sie es zurück zur Mutter brachte, nahm die ihr Junges nicht mehr an.

Der Schäfer, dem die Herde gehörte, war rasch ausfindig gemacht. „Er bot mir an, das Tier zu behalten“, erzählt Christine Forkl-Kruschina. „Und da die ganze Familie zu Mia schnell eine Bindung aufgebaut hatte, war klar: Die Kleine bleibt bei uns.“ Ein Plätzchen für das Bett aus Tüchern war nicht schwer zu finden, und um ein größeres Malheur zu verhindern, bekam das neue Familienmitglied auch gleich eine Windel umgelegt. „Wir sind mit Mia natürlich gleich zum Fachveterinär für Nutztiere, damit die Wunde versorgt wird“, berichtet Christine Forkl-Kur­schina. „Beim Landesschafzuchtverband bekamen wir eine Anleitung zum Großziehen von Lämmern und allerhand weiterführende Informationen.“

So erfuhren die frischgebackenen Schafbesitzer, dass sie sich beispielsweise beim Landratsamt als Nutztierhalter registrieren lassen müssen. Das ist laut Thomas Kruschina erforderlich, damit die Kreisverwaltung im Seuchenfall rasch und effektiv die erforderlichen Bekämpfungsmaßnahmen einleiten und überwachen kann. „Außerdem besteht eine Kennzeichnungspflicht, wenn die Tiere nicht geschlachtet werden. Das heißt, dass Ohrmarken beantragt werden müssen“, so der 56-Jährige. „Ohne die gibt es zum Beispiel auch keine Entwurmung.“ Viele wertvolle Tipps bekam das Ehepaar von Schäfern. „Einiges war mir aber bekannt, denn im Wohnort meiner Großmutter gab es Schäfer. In den Ferien verbrachte ich viel Zeit mit deren Herden“, erzählt der Lindorfer, der damit in seiner Kindheit allerhand über die Aufzucht und Haltung von Schafen erfuhr.

Doch so ein Schaf ist nicht gern allein. „Die Wiederkäuer besitzen ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl und leben deshalb in Herden“, sagt Christine Forkl-Kruschina, die viele Telefonate führte, bevor sie in Künzelsau einen Schäfer fand, der bereit war, zwei Lämmer abzugeben. Bald darauf bekam Mia zwei Artgenossen zur Seite gestellt, mit denen sie heute über die Streuobstwiesen tollt. Bis es so weit war, mussten die Racker mehrmals täglich gefüttert werden. „Zwischen acht und zwölf Wochen bekommen die Lämmer Aufzuchtmilch und Silagefutter“, sagt die 50-Jährige. „Die Milch muss eine Temperatur zwischen 38 und 42 Grad aufweisen.“ Ansonsten kann es zu Verdauungsstörungen kommen, wie Christine Forkl-Kruschina berichtet. Auch auf die Futtermenge achtet die Lindorferin peinlichst genau, denn wenn das Fassungsvermögen des Labmagens überschritten wird, läuft die Milch zurück in den Pansen. „Im schlimmsten Fall kann das tödlich enden“, so Forkl-Kruschina, die jede Menge Besuch bekommt, seit die drei Lämmer bei ihr eingezogen sind.

Besonders in der Anfangszeit hätten Wildfremde an der Tür geklingelt und sich nach den neuen Familienmitgliedern erkundigt. „Gerade Kinder kamen vorbei, um die Tiere zu streicheln und zu füttern“, lacht die Schafbesitzerin. „Vor allem meinen Nachbarn bin ich dankbar. Sie waren sehr verständnisvoll, obwohl die Lämmer mitunter ziemlich laut geblökt haben.“ Den tierischen Nachwuchs haben auch Steffen (15), Kathrin (19) und Jan-Felix (21) sowie dessen Freundin Patrizia Grüninger (19) ins Herz geschlossen. „Jedes Mal, wenn wir beim Joggen bei den Schafen auf der Wiese vorbeikommen, rennen sie sofort zum Zaun“, erzählt Jan-Felix. „Sie erkennen uns sofort.“ Der Student möchte die Schafe genau wie seine Geschwister nicht missen.

Thomas Kruschina hat mit handwerklichem Geschick einen Stall gezimmert, in dem die drei Lämmer im Schatten eines Baumes auf der Wiese grasen. Und seine Frau plant, einen Kurs zu belegen, in dem sie lernt sie, Schafe zu scheren. Denn eines steht für Christine Forkl-Kruschina fest: „Die Tiere sollen ein langes und gutes Leben haben.“

Fotos: privat/Daniela Haußmann

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