Kirchheim

Ein Startschuss für die Annalen

Landratsamt Der Esslinger Kreistag erteilt den Zuschlag für das größte Projekt in seiner Geschichte. Die Stuttgarter Züblin AG baut für 123 Millionen Euro den neuen Verwaltungssitz am Neckar. Von Bernd Köble

So soll es einmal aussehen: Das neue Landratsamt in Esslingen. Grafik: BFK Architekten
So soll es einmal aussehen: Das neue Landratsamt in Esslingen. Grafik: BFK Architekten

Außergewöhnliche Entscheidungen in außergewöhnlichen Zeiten: Der Esslinger Kreistag hat mit dem Baubeschluss für das neue Landratsamt in den Esslinger Pulverwiesen gestern das größte Bauprojekt in seiner Geschichte auf den Weg gebracht. Den Auftrag für Abriss und Neubau erhielt die Stuttgarter Züblin AG als Generalunternehmen zu einem Pauschalpreis von rund 123 Millionen Euro. Die Planungen stammen vom Stuttgarter Büro BFK Archtekten. Die Finanzierung soll sich über 50 Jahre erstrecken und den Kreishaushalt mit jährlich 3,5 Millionen Euro belasten. Dafür hat sich der Landkreis mit langfristigen Finanzierungsverträgen die derzeit günstigen Zinsen gesichert. Und auch das gab es noch nie: Wegen der hohen Inzidenz fand eine Kreistagssitzung gestern erstmals als Hybrid-Veranstaltung statt. 72 der 96 stimmberechtigten Mitglieder waren online zugeschaltet. Bei drei Enthaltungen und einer Gegenstimme fiel der Baubeschluss mit großer Mehrheit.

Es kann also losgehen. Bereits im Entstehen ist die Zweigniederlassung der Kreisverwaltung auf dem Plochinger Stumpenhof. Ein Ergänzungsbau zum bereits umgebauten ehemaligen Plochinger Krankenhaus. Dorthin sollen schon im März kommenden Jahres die ersten von 225 Mitarbeitern umsiedeln. Der Neubau in Esslingen soll 675 Beschäftigten einen Arbeitsplatz bieten, die - wenn alles glatt läuft - im Juli 2026 einziehen könnten. Bis dahin wird der Landkreis an beiden Standorten rund 208 Millionen Euro in die Unterbringung und Neugliederung seiner Verwaltung investiert haben. Darin enthalten sind auch die Kosten für die Anmietung von Büroräumen im Esslinger Stadtgebiet, wo während der vierjährigen Bauzeit Mitarbeiter übergangsweise unterkommen müssen. Mitte Januar 2022 soll der Bauantrag eingereicht werden. Im April nächsten Jahres beginnt dann der Abbruch des grünen Kolosses am Neckarufer, der aus dem Jahr 1978 stammt. Das heißt: Schon Ende 2021 steht für die Verwaltungsmitarbeiter am Stammsitz der Umzug an.

Damit endet ein fast zehnjähriges Kapitel Kreispolitik, von den ersten Überlegungen zu einer Sanierung des Bestandsgebäudes über die Machbarkeitsstudie für einen Neubau bis zum gestrigen Baubeschluss. Bis dahin galt es, viele Kritiker zu überzeugen. Warum man ein 44 Jahre altes Gebäude abreiße und für viel Geld neu baue, hätten viele nicht verstanden, blickte Landrat Heinz Eininger zurück. Am Ende sei es um die beste Lösung in puncto Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit gegangen. Brandschutzauflagen, Digitalisierung und ein gestiegener Platzbedarf für 500 zusätzliche Mitarbeiter in den vergangenen fünf Jahren führten zu dem Schluss, dass ein Neubau wirtschaftlich wie ökologisch der bessere Weg sei.

Eine Entscheidung, die gestern alle Fraktionssprecher noch einmal verteidigten. Der Neubau setze Maßstäbe beim Klimaschutz, betonte der Chef der Freien Wähler, Bernhard Richter, und ergänzte: „Im Kampf um kluge Köpfe zählt heute auch die Attraktivität des Arbeitsplatzes.“ Für die CDU war der gestrige Tag ein „Meilenstein“ auf dem Weg zu einem modernen Dienstleistungszentrum für Bürger und Kommunen. Das Esslinger Landratsamt ist Anlaufstelle für mehr als 700 Kunden jeden Tag. CDU-Fraktionschef Sieghart Friz lobte den städtebaulichen Entwurf, der einer „liegenden Acht“ entspreche, während der SPD-Fraktionsvorsitzende Michael Medla darin ein Leuchturmprojekt für die ganze Region erkannte. Die Bürokonzeption biete maximale Flexibilität bei der Arbeitsplatzgestaltung, sagte Medla, gleichzeitig sei es erfreulich, dass beim Bau regionale Unternehmen zum Zug kämen. Grünen-Sprecher Rainer Moritz erinnerte daran, dass der Landkreis auch bei anderen Bauprojekten in den kommenden Jahren Fortschritte beim Einsatz klimafreundlicher Materialien machen müsse. „Wenn wir ein klimaneutraler Landkreis werden wollen,“ sagte Moritz, „müssen auch unsere Gebäude klimaneutral werden.“

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