Kirchheim

Ein wenig zurückgeben

Margarete Gienger vom Neidlinger AK Asyl ist eine Kandidatin für den Ehrenamtspreis

Das Flüchtlingsmädchen Ghena stürmt begeistert los: „Hallo Margarete!“ Diese Szene und die herzliche Begrüßung der Erwachsenen sagt schon fast alles.

Beate Klein (hinten links) hat Margarete Gienger (Mitte) für den Ehrenamtspreis 2016 „Starke Helfer" vorgeschlagen, umgeben sind
Beate Klein (hinten links) hat Margarete Gienger (Mitte) für den Ehrenamtspreis 2016 „Starke Helfer" vorgeschlagen, umgeben sind die beiden Mitarbeiterinnen des AK Asyl von den derzeit in Neidlingen untergebrachten Familien aus Syrien und Afghanistan.Foto: Peter Dietrich

Kirchheim/Neidlingen. Ein paar Dinge wären über Margarete Gienger doch noch zu ergänzen: Als erstes, dass Beate Klein, eine Mitstreiterin im Neidlinger Arbeitskreis Asyl, sie für den Ehrenamtspreis 2016 „Starke Helfer“ mit dem Thema „Zusammen leben ohne Grenzen“ vorgeschlagen hat. Seit der ersten Stunde, sagt Klein, sei Gienger mit größtem Engagement im Arbeitskreis dabei. Diese erste Stunde war im Mai 2015. Seither hat Gienger Kleidung und Sachspenden gesammelt, sich um Behördengänge und Arztbesuche gekümmert, war ständig als Ansprechpartnerin da, auch für den Hausmeister, die AWO-Betreuerin und das Landratsamt und vieles mehr. Einen Teil ihres Gartens hat sie an die Flüchtlinge abgegeben, damit sie ihn für sich selbst bewirtschaften können. Dafür haben die Flüchtlinge dann, als Gienger im Urlaub war, ihre Pflanzen gegossen. „Das ist ein Austausch.“ Als die Flüchtlinge in Neidlingen Mohn sahen, sind sie erschrocken. Aber sie lernten: „Das sind keine Drogen, das ist für den Mohnstriezel.“

Margarete Gienger, Jahrgang 1950, ist weit herumgekommen. Sie war ein halbes Jahr lang in Südamerika, war in Mexiko, der Türkei und im Iran – nicht mit der großen Gruppe, sondern auf eigene Faust. Sie lebte vier Jahre in Portugal, schätzte die Ratschläge der Einheimischen für die dort so ganz andere Landwirtschaft. Bei ihrem halben Jahr als Au-pair in London traf sie auf der Sprachschule Menschen aus der ganzen Welt. „Ich möchte ein wenig zurückgeben, was ich selbst bekommen habe“, sagte sie, empfindet Menschen aus anderen Kulturen als Bereicherung. Als Sozialpädagogin leitete sie eine Gruppe des Michaelshofs, diese Schule für Erziehungshilfe hat im alten Neidlinger Pfarrhaus eine Außengruppe. Die Rente kam für das Ehrenamt gerade recht.

„Ich bin wirklich nicht die Einzige“, betont Gienger, nennt ganz viele Namen von weiteren Engagierten. Zum Neidlinger AK Asyl zählen rund 25 Leute. Nicht alle kommen zu den Sitzungen, aber sie sind da, wenn sie gebraucht werden. Wird für die Flüchtlinge etwas benötigt, geht Gienger ins Haus auf der anderen Straßenseite. Dann setzt dort der Bürgermeister den Wunsch ins „Blättle“ und der AK Asyl ist erstaunt, was die Menschen im Ort so alles auftreiben, bis hin zum Fahrradanhänger und zur Fahrradgarage. „Die Stimmung ist gut“, sagt Margarete Gienger, lobt besonders die Zusammenarbeit mit dem benachbarten evangelischen Kindergarten Wasserschloss und der Neidlinger Schule. Gienger und Kurz nehmen die Flüchtlingsfrauen auch zur Turnstunde mit. „Es ist wichtig, dass mal etwas Positives berichtet wird“, begründet Gienger ihre Zustimmung zum Ehrenamtspreis-Vorschlag.

Die erste Flüchtlingsfamilie aus dem Kosovo wurde nachts von der Polizei abgeholt. „Wir wussten nicht, dass die schon ihre Ablehnung hatten“, sagt Klein. Auch die zweite Familie aus dem Kosovo hatte in Deutschland keine Perspektive, doch die Ausreise ging geordnet vor sich, Margarete Gienger fuhr die Familie zum Flughafen.

Derzeit sind in Neidlingen eine Familie aus Afghanistan und zwei aus Syrien untergebracht. Eine weitere syrische Familie ist in der Anschlussunterbringung, eine Neidlingerin bot dem AK Asyl die Wohnung an. Eine Schulkameradin von Margarete Gienger hatte gerade eine Haushaltsauflösung, die Jugend des Roten Kreuzes und viele andere halfen mit. „Der Großteil ist an einem Tag passiert.“ Zu einer afghanischen Familie, die nun in Esslingen wohnt, hat Gienger weiterhin Kontakt.

„Für die afghanische Familie in Neidlingen ist es schwer, von allen anderen überholt zu werden. Denn bei Syrern geht die Anerkennung schneller.“ sagt sie. Die Ungewissheit quäle. Der Vater bedaure, seine Familie nicht selbst ernähren zu können. So weit möglich, arbeite er im Neidlinger Bauhof mit. Sein Bruder wurde von den Taliban ermordet.

Nach dem Fototermin vor der Unterkunft bleibt Gienger gleich da, die lernwilligen Flüchtlinge brauchen sie. Die Afghanin hat Rote Bete geerntet und will sie einmachen.

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