Kirchheim

Ein zeitgenössisches Stück bringt die Offenbarung

Konzert Das Kammermusikensemble „Toninton“ entzückt die Besucher im Kirchheimer Kornhaus. Wäre nicht bald ein größerer Saal angebracht? Von Ernst Leuze

Symbolfoto

Trio Toninton! Wenn ein Kammermusikensemble sich diesen so herausfordernden Namen zulegt, muss es sich gefallen lassen, dass daran angeknüpft wird. Die beiden Streicher Vilja Godiva Speidel und ihr Bruder Ukko sind, aus Nürtingen stammend, in der Region schon lange bekannt. Seit zehn Jahren schon musizieren sie mit der Pianistin Rita Klose zusammen und nennen ihre erfolgreiche Formation „Toninton“.

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Damit ist die heute so wichtige Unterscheidbarkeit garantiert. Der Begriff kommt ja nicht aus der Tonkunst, sondern wird bei der Mode verwendet, wenn es um Farbtonnuancen geht. Das Wort Intonation klingt aber auch an. Und damit wird, bei aller Sprachspielerei, ohne die es heute kaum mehr geht, ein ganz ernsthafter musikalischer Hintergrund sichtbar.

Wenn die Spieler zu verschieden intonieren, entsteht kein überzeugendes Ganzes, spielen sie zu ähnlich, wird es langweilig. Beiden Gefahren sind die drei Musiker am Sonntag im ersten Stock des Kirchheimer Kornhauses erfolgreich ausgewichen, und die zahlreichen Zuhörer (es mussten sogar noch zusätzliche Stühle aufgestellt werden) waren hingerissen. Wer befürchtet hatte, einer der beiden Museumsflügel müsste sich zusammen mit den modernen Streichinstrumenten bewähren, sah sich angenehm überrascht. Denn der Petrof Konzertflügel des Kulturrings, im Kirchheimer Schloss zunehmend gefährdet, hat im Kornhaus ein besseres Domizil gefunden. Hier konnte er wiederum seine Qualitäten als fabelhaftes Kammermusikinstrument eindrucksvoll unter Beweis stellen.

Zwar gab es seltene Momente, in denen die Streicher, besonders der Cellist, sich auf den üblichen Steinway eingestellt hatten, der die Töne beim Verlassen rabiat dämpft. Doch bei Beethovens „Geistertrio“ und Mendelssohns D-Dur Klaviertrio, war das längere Nachklingen, besonders der tiefen Töne, genau richtig, denn die Komponisten hatten seinerzeit damit gerechnet. Also war der Flügel schon einmal Garant für das Musikerlebnis Ton in Ton; zunächst für die Werke von Beethoven und Mendelssohn. Bei beiden Komponisten spielte das Klavier ja die dominierende Rolle.

Die eigentliche Offenbarung ereignete sich jedoch bei dem zeitgenössischen Stück „Light and Matter“ der finnischen Komponisten Kaija Saariaho, entstanden vor drei Jahren in New York. Bei den flirrenden, sirrenden, singenden und rumorenden Tönen erwiesen sich die abgrundtiefen Töne der Kontraoktave weit unter dem Tonumfang des Cellos als derart elegant und durchsichtig, wie man sie einem Steinway oder Bösendorfer nie hätte entlocken können. Da wurde der Name toninton zum Programm. Ganz egal, ob die Streicher sich in körperlosen Flageoletts ergingen, in huschenden Pizzicati, fetten Unisono-Kantilenen oder unwirsch grummelnden Tremoli, die Glissandi nicht zu vergessen: Immer war die Pianistin mit dem Petrof Flügel kongeniale Partnerin, ob sie nun hackte, streichelte oder gelegentlich auch über die Seiten wischte. Das einsätzige Werk wurde zum Höhepunkt des an Glanzlichtern gewiss nicht armen Abends. Ton in Ton - einfach perfekt! Die Atmosphäre des oberen Kornhaussaales tat ein Übriges.

Durch die momentane Ausstellung der Bilder von Fritz Ernst Nagel wurde sie noch enorm verstärkt. Denn in ihrem Changieren zwischen altmeisterlicher Attitude und vorsichtigen Anklängen an neuere Zeiten schuf sie den geeigneten Hintergrund, auch für die wechselnden Klangfarben von Mendelssohn. Zwar geriet die Pianistin Rita Klose dabei ganz gelegentlich an ihre technischen Grenzen, doch war das eher dem schwergängigen Flügel geschuldet.

Eine wunderbare Einheit

Insgesamt wurden beim abschließenden Prunkstück Gefährdungen, aber auch die enormen Chancen des Trios „Toninton“ deutlich. Wo es um innige und fluktuierende Passagen ging, entstand eine wunderbare Einheit; da spielte die Pianistin auf dem Flügel Cello, und der Cellist wurde zum Pianisten.

Kaum mehr war zu unterscheiden zwischen gestrichenen und gezupften Streichertönen und den Saitenklängen des Flügels. Schon von ihrer Tonlage her führend, hielt die Geigerin auf zauberhafte Weise alles zusammen. Ein Kammermusikabend wie er sein sollte. Es ist fast zwingend, „Toninton“ demnächst in der Stadthalle wieder zu hören.