Kirchheim

Eine Klasse zwischen der Adenauer-Ära und Woodstock

Schule 50 Jahre nach dem Abi treffen sich ehemalige Schüler des Ludwig-Uhland-Gymnasiums.

Noch einmal die Schulbank drücken: Zum Abitreffen gehörte ein Abstecher ins alte Klassenzimmer.Foto: pr
Noch einmal die Schulbank drücken: Zum Abitreffen gehörte ein Abstecher ins alte Klassenzimmer. Foto: pr

Kirchheim. 50 Jahre Abi - das muss gefeiert werden. So dachten Ehemalige, die 1969 am Kirchheimer Ludwig-Uhland-Gymnasium ihre Hochschulreife abgelegt hatten. Fast auf den Tag genau gab es nun ein Treffen. Ihre Kirchheimer Schulzeit deckte sich mit den Sechzigerjahren und deren rasantem Wandel. Die Einschulung erfolgte 1961 zu Ostern. Deutschland steckte in der Adenauer-Ära, mit dem Mauerbau hatte der Kalte Krieg einen Höhepunkt erreicht. Es war das Jahr des Beginns der Präsidentschaft von John F. Kennedy, von Chruschtschows Geheimrede und des „Sputnik-Schocks“. Von dem allem bekamen die Kirchheimer Gymnasiasten aber nicht allzu viel mit.

Ganz anders 1969: Nach zwei Kurzschuljahren und dem Wechsel des Schuljahrbeginns in den Herbst: Die Große Koalition hatte ausgedient, Willy Brandt war der erste sozialdemokratische Kanzler und der aus Kirchheim stammende Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier musste sein Amt aufgeben. 1968 war gerade vorbei und die „bleiernen“ Siebziger zogen herauf. Die ersten Menschen landeten auf dem Mond, das Massaker von My Lai im Vietnamkrieg bewegte. Das Woodstock-Festival ein epochales Ereignis.

Nach der obligatorischen Aufnahmeprüfung hatte die Gymnasialzeit in einem Eckzimmer im ersten Stock der altehrwürdigen „Präparandenanstalt“ in der Max-Eyth-Straße begonnen, wo im Winter morgens der gusseiserne Ofen angeheizt wurde. Auf dem Nachhauseweg konnte man sich für zehn Pfennig eine Kugel Eis holen und es wunderte einen nicht, dass das Wasser im Kanal mal rot, mal blau gefärbt war, je nachdem was in der Textilherstellung eben gerade anstand.

Fast ein Kulturschock war es, als es in der dritten Klasse in den Neubau auf dem Milcherberg ging. Als Lateiner hatte man selbstverständlich Überlegenheitsgefühle gegenüber den neusprachlich-naturwissenschaftlichen künftigen „Ingenieurles“ unten in der Stadt.

Die Lehrer waren fast alle noch Kriegsteilnehmer. Erst ab Mitte der Sechzigerjahre änderte sich einiges. Der neue Klassenlehrer brachte Pariser Lebensgefühl mit. Es begann die Deutsch-Französische Freundschaft, die Partnerschaft mit Rambouillet wurde besiegelt und Klassenkameraden waren die „Versuchskaninchen“ beim ersten Schüleraustausch.

Die Verhältnisse tauten auf: In den drei, vier Plattenläden konnte man mit Kopfhörern die ersten Beatles-Platten hören. Der Filmclub im Stadtkino spülte die Nouvelle Vague in die Stadt. Im Jahr des Abiturs 1969 wurde es ernst: Nachdem man früher im Ötlinger Jazzkeller Liedermachern wir Reinhard Mey gelauscht hatte, ging es im frisch gegründeten „Club Bastion“ mit dem Wiener Otto Mühl aktionistisch zur Sache.

Auch das Schulleben wandelte sich: Pädagogik und moderne Unterrichtsformen waren bis auf Ausnahmen noch kein Thema, „1968“ führte die Politisierung der Schüler jedoch zu endlosen Diskussionen. Aufregend war die Teilnahme am „Anti-Springer-Tag“ in Esslingen. Auf Klassenfahrt in die Mauerstadt Berlin fielen die Kirchheimer bei der „Kommune 2“ ein und diskutierten um die Wette.

1969 zerstreute sich die Klasse. Es ging nicht nach Neuseeland oder in die USA, sondern nach Tübingen oder Heidelberg. Es gab aber auch Nachwirkungen. In den Siebzigern waren einige der Ehemaligen dabei, als von der Aktion „Rettet die Altstadt“ die Präparandenanstalt gerettet wurde, die unter Oberbürgermeister Werner Hauser einem Kaufhaus weichen sollte. Claus-Peter Clostermeyer

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