Kirchheim

Eine Königin in verschiedenen Klanggewändern

Orgelnacht Auch im 18. Jahr erfreut sich die außergewöhnliche Konzertreihe in St. Ulrich ungebrochener Anziehungskraft. Von Winfried Müller

Hausherr und Organisator Thomas Specker eröffnete die Orgelnacht. Im Mittelpunkt des ersten Programms stand das Konzert des kana
Hausherr und Organisator Thomas Specker eröffnete die Orgelnacht. Im Mittelpunkt des ersten Programms stand das Konzert des kanadischen Komponisten Denis Bedard für Orgel und Streichorchester.Fotos: Markus Brändli

Das Erfolgsrezept scheint ganz einfach. Man nehme eine Königin, die Königin der Instrumente, in verschiedene „Klanggewänder“ gehüllt, begleitet von wechselnden „Untertanen“, anderen Instrumenten, und lasse sie Hof halten. Und so trafen bei der Orgelnacht wieder faszinierende Klänge und Farben des Pfeifeninstruments auf Klangfarben unterschiedlicher Instrumente. In seiner kurzen Begrüßung hob Dekanatskirchenmusiker und Organisator Thomas Specker gerade die nach wie vor sehr erfolgreiche Grundidee hervor.

Eröffnet wurde die Orgelnacht durch den Hausherrn an der Göckel-Orgel mit einem Satz aus der Orgelsonate Nummer 4 von Felix Mendelssohn Bartholdy. Mit kräftigen Farben registriert, bereitete Specker der „Königin“ einen würdigen Empfang. Alexander Borodins wunderschön musizierter 1. Satz aus dem Streichquartett Nummer 2 erfüllte anschließend mit völlig anderen Klängen das Kirchenschiff. Das ausführende Quartett, unter der Leitung von Irina Hornung, verzauberte durch klare Intonation und abgestimmte Dynamik. Dabei machte es die -auch bei voll besetzter Kirche vorhandene - leichte Überakustik den Musikerinnen nicht immer einfach.

Im Mittelpunkt des ersten Konzertprogramms stand das Konzert des kanadischen Komponisten Denis Bedard für Orgel und Streichorchester. Entstanden in den Jahren 1999/2000 bot es der Zuhörerschaft ein Kaleidoskop an virtuosen Läufen, markanten Punktierungen, chromatischen Klangrückungen und interessanten Klängen. Die Orgel konnte bei diesem Opus ihr beeindruckendes Spektrum an Farben voll entfalten und wurde von Thomas Specker mit genau abgestimmten Registrierungen, in Balance zum sehr konzentriert und aufmerksam agierenden Orchester, wirkungsvoll in Szene gesetzt. Besonders beeindruckend gelangen der geheimnisvolle vierte Satz in perfekt korrespondierendem Wechsel zwischen Orgel und Bratsche sowie das brillante Finale, musiziert mit herrlich perlender Spiellaune des ausgezeichnet spielenden Kammerorchesters, zusammengestellt von Irina Hornung, und der Orgel.

Der zweite Teil des Abends war ursprünglich dem belgischen Komponisten Joseph Jongen gewidmet. Leider erkrankte der Organist kurzfristig. Dankenswer­terweise übernahm der Leiter des Chors der Katholischen Hochschulgemeinde an der Universität Tübingen, Peter Lorenz, mit einem Orgelprogramm den Konzertpart. Nach der bekannten Toccata und Fuge d-Moll von Johann Sebastian Bach spannte Lorenz den Bogen von einem eher selten zu hörenden Komponisten, dem Bach-Sohn Carl Philipp Emanuel, bis zur französischen Orgelromantik Charles-Marie Widors. Bestachen bei Bach die klare Artikulation, die Herausarbeitung galanter und konzertierender Spielfiguren sowie die Präsentation von Flötenfarben im Adagio, öffnete Lorenz mit drei Sätzen aus Charles-Marie Widors 5. Orgelsymphonie die Tür zu einem Klangbild wie aus einer französischen Kathedrale. Auch ein plötzlich unvermittelt hörbares Feuerwerk in der Umgebung der Kirche konnte die Konzen­tration des Künstlers nicht stören.

Orgel und Fotografie

„Orgel und Fotografische Notation“ war der nächste Konzertabschnitt betitelt. Ihre fotografischen Arbeiten sollen, so die Konzeptkünstlerin Kathleen Jahn, als Bildpartitur gelesen werden, analog zu grafischen Notationen moderner und zeitgenössischer Musik. Die künstlerisch sehr interessante Fotosequenz „Disappunto“ entfaltet bei längerer Betrachtung eine suggestive Wirkung. Sie bildete die Folie, nach der Martin Böhm, Dekanatsmusiker für Göppingen-Geislingen, die in den Fotos enthaltenen akustischen Informationen zum Klingen brachte. Das gelang ihm mit fast ruhenden, interessanten Klangflächenklängen, kontrastiert mit raschen Arpeggien und Tonleitersequenzen. Die den Fotos immanenten Grundmotive von Bewegung und Stille konnten den aufmerksamen Zuhörern gut akustisch vermittelt werden. Der Gegensatz zwischen Stille und Störung blieb jedoch nur flüchtig angedeutet. Schade, dass die Fotos nicht gleichzeitig zur Musik auf die Leinwand projiziert wurden.

Eine weitere Verbindung von Bild und Musik ging Martin Böhm bei der Fuge der „Dorischen Toccata“ von Bach ein. Nach der motorisch geprägten, dynamischen Toccata, souverän vorgetragen, folgte die große Fuge, unterlegt durch Fotos von Hochhäusern, die ihre Ansicht, ähnlich wie das Fugenthema, stetig änderten. Eine interessante Idee; kontrastierende Bildelemente, entsprechend dem Kontrapunkt der Fuge, oder bestimmte Satztechniken wie Spiegelung fanden jedoch keinen entsprechenden bildhaften Ausdruck.

Voller Erwartung nahm die immer noch große Zuhörerschaft zum finalen Konzert Platz. Überschrieben mit „pur für Auge und Ohr“ stellte sich Paul Theis zur mitternächtlichen Stunde der Herausforderung, sein Können nicht nur akustisch, sondern via Kamera und Übertragung auch optisch erlebbar zu machen. Auf seinem Parforceritt streifte Theis viele verschiedene Genres und ließ unter anderem einen Ragtime von Scott Joplin, einen Tango Astor Piazollas oder unbekannte Orgelstücke von Puccini erklingen. Sogar der „Orgelkuckuck“, ein besonderes Register, ließ seine Stimme vernehmen. Musikalisch besonders gelungen waren die Variationen über „Geh aus mein Herz“, bei denen immer wieder schalkhaft Mozart aufblitzte.

Hausherr und Organisator Thomas Specker eröffnete die Orgelnacht. Im Mittelpunkt des ersten Programms stand das Konzert des kana
Hausherr und Organisator Thomas Specker eröffnete die Orgelnacht. Im Mittelpunkt des ersten Programms stand das Konzert des kanadischen Komponisten Denis Bedard für Orgel und Streichorchester.Fotos: Markus Brändli
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Die Orgel in St. Ulrich begeistert viele Kirchenmusik-Liebhaber. Mit der Katholischen Erwachsenenbildung können Kulturinteressierte im Oktober beeindruckende Instrumente im Oberallgäu bewundern. Foto: PR
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