Kirchheim

Eine Mittelmeerreise besonderer Art

Madeleine Giese und Rainer Furch präsentieren eine Kurzfassung der „Odyssee“ in der Kirchheimer Stadtbücherei

Das Schauspielerpaar Madeleine Giese und Rainer Furch machte die Kirchheimer mit der Odyssee bekannt.Foto: Markus Brändli
Das Schauspielerpaar Madeleine Giese und Rainer Furch machte die Kirchheimer mit der Odyssee bekannt.Foto: Markus Brändli

Kirchheim. Im Rahmen des Sommerprogramms „Text und Töne“ der Stadtbücherei wird von einem Mann erzählt, der über das Meer auf

Ulrich Staehle

der Flucht ist. Sein Floß zerbricht im Unwetter. Er rettet sich an Land. Als ihn eine Schar junger Mädchen entdeckt, fliehen sie alle, außer einer. Diese hört sich das Schicksal des schmutzigen, nackten Flüchtlings an und bringt ihn in ihr Vaterhaus. Nach dem Bad gibt er sich zu erkennen: Ich bin Odysseus. Bei anderen Völkern geht man mit Odysseus nicht so freundlich um wie bei den Phäaken, im Gegenteil.

Ob es Zufall ist oder Absicht: Die Lesung der „Odyssee“ durch das Schauspielerehepaar Madeleine Giese und Rainer Furch machte nicht nur mit der „Mutter der Abenteuergeschichten“ bekannt, sondern war von einer Aktualität, die bei der derzeitigen Flüchtlingsproblematik nicht gewaltsam hergestellt werden musste.

Auch ohne aktuelle Bezüge lohnt sich die Beschäftigung mit der „Odyssee“. In 12200 Hexametern erzählt das Versepos, das im achten Jahrhundert höchstwahrscheinlich von einem einzigen Dichter, Homer, verfasst wurde, von den abenteuerlichen Irrfahrten und der glücklichen Heimkehr des Königs Odysseus. Er war zwanzig Jahre zuvor von der Insel Ithaka mit dem griechischen Heer nach Troja in den Krieg gezogen. Die Irrfahrten mit Kämpfen und Fluchten sind ein Mythos geworden. Wer sich mit den Göttern und Helden der Antike auseinandersetzt, unternimmt eine Reise zu den Wurzeln abendländischer Geschichte. Unzählige Schriftsteller und Künstler haben sich von den antiken Mythen zu eigenen Werken inspirieren lassen, man denke etwa an Chagalls Odysseuszyklus.

Und nun kommen eine Schauspielerin und ein Schauspieler daher und behaupten, diesem in Umfang und Bedeutung riesigen Epos mit einer Lesung von siebzig Minuten gerecht zu werden. Es gelingt.

Dazu war viel Vorarbeit nötig. Man kann vermuten, dass sie hauptsächlich in den Händen von Madeleine Giese lag, die sich neben ihrer Schauspielerei zunehmend als Autorin betätigt. Sie hat sinnvollerweise keine Kurzfassung aus vielen Einzelsplittern hergestellt, sondern wenige, aber geschlossene Einzelblöcke ausgewählt, überbrückt durch Erwähnungen der ausgelassenen Zwischenstationen und Abenteuer.

Der erste Block besteht, wie immer, aus der Exposition, dem Einstieg in das Geschehen. In einer Götterversammlung wird die Zukunft programmiert. Göttervater Zeus verspricht seiner Tochter Athene, dass ihr Schützling Odysseus nach Ithaka heimkehren werde. Der Meeresgott Poseidon, der Feind des Odysseus, werde ihm aber alle Hindernisse in den Weg legen. Damit ist der Handlungsrahmen gegeben.

Als Beispiel für einen solchen Kampf von Athene und Poseidon mit den Folgen, die Odysseus zu tragen hat, kann die eingangs erwähnte Landung bei den Phäaken dienen. Als Beispiel für einen vom Überlebenskampf und von List gekennzeichneten Aufenthalt ein anderer, der bei Polyphem, Sohn des Poseidon. Dieser einäugige Riese verschlingt einige von Odysseus Gefährten. Er wird listig durch Odysseus geblendet und getäuscht. So kann der Held mit den übrigen Gefährten fliehen und den Riesen sogar noch verspotten.

Genau so populär ist die Geschichte von der Zauberin Circe. Sie will ihm nichts Böses, sondern zu viel Liebes. Die Gefährten werden in Schweine verzaubert, doch Odysseus gewinnt mit göttlicher Hilfe Macht über Circe, und sie lässt ihn mit seinen zurückverwandelten Gefährten und guten Ratschlägen ziehen.

Als Solist landet Odysseus schließlich auf seiner Heimatinsel Ithaka. Doch auch der letzte Erzählblock ist prall gefüllt mit Abenteuern, bis der als Bettler verkleidete Odysseus mit seinem Sohn Telemachos die rund einhundert schmarotzenden Freier getötet und seine treue Frau Penelope von seiner Identität überzeugt hat. Endlich freut sich das nach vielen Jahren wiedervereinigte Paar „erquickender Ruhe“. Odysseus muss in der Kurzfassung nicht mehr ganz Ithaka erobern wie bei Homer.

Madeleine Gieses und Rainer Furches Textauswahl ist sehr knapp, wirkt aber trotzdem geschlossen und überfordert die Konzentrationsfähigkeit des Zuhörers nicht. Er kann die Rezitation der Hexameter genießen. Dieser an sich rhythmisch etwas hakelige Vers wird in der gekonnten Darbietung lebendig und flüssig. Zur Abwechslung tragen die Rollen- und Stimmwechsel bei und eine gelegentliche dezente Begleitung durch verschiedene kleine Klanginstrumente. Damit war auch, wie es sich für das Sommerprogramm der Stadtbücherei gehört, für die „Töne“ gesorgt.

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