Kirchheim

Eine prächtige Balkonszene ohne Pappmaschee

Theater Das Landestheater Schwaben gastierte in der Kirchheimer Stadthalle. „Romeo und Julia“ kam in einer zeitlos aktuellen Prosafassung auf die Bühne. Von Florian Stegmaier

Zwei Häuser, beide gleich an hohem Stand“ - längst gehört die Handlung von „Romeo und Julia“ zum festen Kanon abendländischer Kultur. Im Gegensatz zu anderen ehrwürdigen Zeugnissen der Dichtkunst, die allenfalls noch museal verwaltet werden, erfreut sich Shakespeares um 1595 entstandene Tragödie ungebrochener Beliebtheit. Und dies nicht nur, weil Liebe auch im 21. Jahrhundert mitunter kompliziert ist. Vielmehr sind es die Aspekte sinnentleerter struktureller Gewalt und eines unbarmherzigen familiären Zwangs, die das Bühnenstück zeitlos aktuell scheinen lassen: „Der Bürger Hand befleckt mit Bürgerblut“ treibt die längst zum Selbstzweck geronnene Fehde zwischen den Häusern der Capulets und Montagues todbringend voran, während der Elternhass sich in den Kindern fortpflanzt, so auch das Innere beider Clans vergiftet und die jungen Protagonisten systematisch aus dem Leben drängt.

Nun könnte man meinen, ein Theaterabend, der den dramaturgischen Finger in genau jene Wunden legt, müsse recht zähe Kost sein. Robert Teufels Inszenierung, die in der Kirchheimer Stadthalle als Gastspiel des Landestheaters Schwaben zu sehen war, bewies das Gegenteil. Zelebriert wurde eine ästhetische Zeitlosigkeit, die Errungenschaften einer sich selbst vergewissernden Moderne ebenso reflektiert, wie sie historisch informierten Anschluss beim Theater der Shakespeare-Zeit sucht. Denn auch zu Zeiten Elisabeths I. traten die Schauspieler in alltäglicher Kleidung auf, agierten in einer auf das Minimum reduzierten Kulisse. Angesprochen wurde die Imaginationskraft des Publikums. Robert Teufel stellte hierfür einen ebenso leeren wie goldenen Bühnenraum zur Verfügung.

Damit kam auch die berühmte Balkon-Szene prächtig ohne Pappmaschee aus und offenbarte doppelbödiges Potenzial, das von einem künstlichen Gartenidyll womöglich verstellt worden wäre. Immer wieder machten die Akteure ihr Spiel als Spiel sichtbar. So bittet etwa die von Regina Vogel verkörperte Julia vor ihrem Grab-Monolog die Regieassistenz um gedämpftes Licht. Und nach skriptgemäßem Doppelselbstmord vergegenwärtigt sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Rudy Orlovius, der einen gleichermaßen agilen wie zerrissenen Romeo gab, den fragwürdigen Tragödienschluss in sozialkritischer Kurzfassung.

An solch anti-illusionistischer Zutat hätte nicht nur Brecht seine helle Freude gehabt. Auch als geschickt gestreute Ironiesignale waren solche „V-Effekte“ hilfreich, manch eingefahrenes Klischee aufzubrechen, Relevantes zu entbergen und neu ins Bewusstsein zu heben. Ein Verdienst, das neben der durchweg hervorragenden schauspielerischen Leistung vor allem der kongenialen Prosafassung Gesine Danckwarts zuzuschreiben ist. Entstanden als Auftragswerk für das Hamburger Schauspielhaus, vollbringt sie das Kunststück, markante und lieb gewordene Sprachbilder mit dem offensiven Charme zeitgenössischer Milieusprache zu verschmelzen. In ihrer Drastik und Direktheit ist Dankwarts Sprache näher am englischen Original, als es uns das wirkmächtige Erbe der Schlegelschen Übersetzung Glauben macht. Die frische Sprache rückt Figuren wiederum ins rechte Licht. Tybald etwa, druckvoll gespielt von Jens Schnarre, wird so als hilfloser Soziopath bloßgestellt und als Opfer eines Umfeldes aufgezeigt, das sich in hasserfülltem Leerlauf demontiert: „Aus schwelender Glut zündet neuer Brand“.

Ein anregender und innovativer Theaterabend, für den das Kirchheimer Publikum mit wohlwollendem Applaus dankte.

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