Kirchheim

Eine über 8 000 Jahre alte Lehre

Drei Fragen an Doris Boeger, zertifizierte Lu-Jong-­Lehrerin durch Nangten Menlang Deutschland, Zentrum für ­tibetische Heilkunst.

Was unterscheidet Lu Jong, das tibetische Heilyoga von anderen Yoga-Methoden?

DORIS BOEGER: „Ist es in der indischen Kultur der Yoga, so finden wir in der tibetischen Medizin die Übungen des Lu Jong. Lu Jong ist eine kostbare Bewegungslehre der Tibeter und hat seine Wurzeln in der buddhistischen Tradition. „Lu“ bedeutet Körper und „Jong“ Training oder Transformation, kurz Körperschulung. Die Körperbewegungen sind vor über 8 000 Jahren in Tibet entstanden. Lu Jong ist älter als der Yoga, dessen Ursprung annähernd 3 500 Jahre zurückliegt. Lu Jong wurde lange Zeit nur im Verborgenen geübt und ausschließlich von Lehrer zu Schüler mündlich überliefert. Das Wissen hat sich bis heute erhalten. Bei den Übungen geht es um den körperlichen, emotionalen, mentalen und energetischen Ausgleich. Das Hauptaugenmerk ist auf die Beweglichkeit der Wirbelsäule gerichtet. Die Übungen sind fließend und mit einer bestimmten Atemtechnik verbunden. Beim indischen Yoga kommt es auf die Stilrichtung an: Asanas, die statisch gehalten werden, Flow-Yoga (fließende Bewegungen), Power-Yoga – eine schnelle Abfolge von Bewegungen und weitere. Letztendlich wird auch hier die Beweglichkeit des Körpers und des Geistes angesprochen. Körper und Geist bilden eine Einheit. Yoga allgemein ist ein Weg für ein gesundes und ausgeglichenes Leben, eine Lebensschule – ganz gleich ob tibetisch oder indisch. Es geht hier auch um humanistische Werte.“

Wer kann Lu Jong ausüben? Gibt es Kontraindikationen?

BOEGER: „Die Übungen sind für alle Altersgruppen. Sie können je nach Befindlichkeit angepasst und im Sitzen auf dem Stuhl geübt werden. Das bedeutet im ersten Moment, dass Menschen mit körperlichen Einschränkungen nicht so tief in die Übungen gehen können. Doch bereits Micro-Bewegungen mit mentaler Ausrichtung können hier sehr hilfreich sein und lassen kleine Veränderungen spürbar werden. Bei Teilnehmern mit Operationen muss zunächst die Zeitspanne, wie lange sie zurückliegen, beachtet werden. Des Weiteren sollte stets achtsam geübt werden, verbunden mit Geduld, Offenheit und Neugierde für den eigenen Körper. Doch wie erwähnt, spricht generell nichts gegen das Ausüben von Lu Jong.“

Wann sollten die Lu-Jong-Übungen am besten ausgeübt werden?

BOEGER: „Die beste Übungszeit ist frühmorgens, die Yogis üben ja schon, wenn die Sonne aufgeht, doch das muss nicht sein. Vor dem Frühstück ist eine gute Zeit, oder ein bis zwei Stunden nach dem Frühstück. Der frühe Abend ist ebenfalls sehr gut zum Üben. Es sollte stets darauf geachtet werden, dass nicht mit zu vollem Magen geübt wird und zwischen der Essenszeit und der Praxis ein Zeitabstand ist.“

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